Tag 209: Ein Kolben, ihn zu knechten

Was also war noch alles passiert, dass meine Laune noch niedriger gesunken ist, als die Chance von Jens Spahn auf den CDU-Vorsitz?

Zunächst helfen natürlich die inzwischen zwei lärmenden venezolanischen Bluetooth-Box-Brüder, die westlich an mein Zelt angrenzen nicht gerade dabei meinen Hass auf die Menschheit zu überwinden. Als sich dann dazu zur östlichen Seite schon vor der ersten Nacht noch zwei widerlich stinkende Säufer gesellen, bin ich eh schon bedient. Einer der beiden feiert meine Bertl hart ab und sucht ständig das Gespräch. Einmal ist der Brechreiz bei mir ob seines Geruchs dabei so stark, dass ich alibimäßig etwas Bremsenreiniger auf die Lüfterradabdeckung sprühe um diese nachweislich giftigen Dämpfe statt seiner definitiv ebenfalls giftigen Dämpfe einzuatmen.

Die beiden hängen den ganzen Tag auf dem Campingplatz ab, schweißen sich eine Hülse nach der anderen ein. Wogegen erst einmal nichts einzuwenden ist. Dieses Programm haben wir alle schon einmal hinter uns. Was jedoch sauer aufstößt, ist die strikte Meidung der sauberen und warmen Campingplatzdusche. Am Morgen quälen die beiden sich aus ihrer zum Zelt umfunktionierten Strandmuschel aus der über Nacht die beturnschuhten Füße heraushängen und streben auf direktem Weg die Küche an, wo sie sich zum Frühstück eine Michelada gönnen. Also ein Bier mit Salz und Limettensaft.

5 Meter rings um die beiden sowie um deren „Zelt“ und damit leider auch um meines hängt somit eine Dunstglocke, die fast nicht auszuhalten ist.

So sehr ich gerade manchmal mit dem Alleinsein hadere. Wenn das die Antwort ist, dann doch lieber weiter solo hinter der Tankstelle.

Ich schlucke meinen Ärger runter, wie auch mein Rührei, das ich mir am Morgen zubereite bevor ich an die Arbeit gehe.

Ich schraube die Zündkerze aus, überprüfe das weiterhin schwarze Kerzenbild, sende Richard ein Foto davon und reinige auf seine Antwort wartend die Düsen meines Vergasers. Finden tue ich in den Düsen aber dummerweise keinen Dreck und so bleibt abzuwarten wie Bertl heute im Leerlauf klingt.

Das schwarze Kerzenbild spricht für zu viel Sprit im Sprit-Luftverhältnis. Oder im Umkehrschluss für zu wenig Luft. Da dämmert es mir. Die Strumpfhose über dem Faltenbalg verhindert wohl seit Hunderten Kilometern zwar mehr Dreck im Vergaser aber eben auch das korrekte Mischverhältnis.

In Abstimmung mit Richard entferne ich diese also in der Hoffnung auf gut geteerte Straßen und gehe wieder auf die von ihm vorgeschlagene 200er-Bedüsung. HLKD 160, BE3 Mischrohr und 106er HD. Dazu die ND 55-160.

Ich nutze noch das Vorhandensein einer Küche aus, indem ich vor Ort koche, während Bluetooth-Box-Bruder 1 die Küche beschallt. Während er seine Teller abwäscht redet er mehr oder weniger laut mit sich selbst, dem Rest der Anwesenden und manchmal auch direkt mit mir. Ich starre währenddessen einfach an ihm vorbei ins Leere und ignoriere ihn komplett. Als er dann zum wiederholten Male vor sich hinfaselt, „dem Gringo kannst du alles erzählen“ und „versteht kein einziges Wort der Gringo“ nehme ich meinen Topf vom Herd, drehe ich mich zu ihm und sage „ich verstehe dich ganz genau. Es interessiert mich aber einen Scheiß, was für eine Scheiße aus deinem Mund kommt.„. Ruhe im Karton.

Möglicherweise treffe ich auch einfach gerade nicht die besten Exemplare unserer Spezies. Konfrontiert mit eben jenen fällt es aber schwer keinen abgrundtiefen Hass zu entwickeln.

Bei bestem Wetter breche ich dann nachmittags zur 270 km langen aber bestens geteerten und daher eigentlich kurzen Etappe nach Los Ángeles (Bío Bío, nicht Kalifornien) auf.

Irgendwas passt jedoch nicht. Bei 65 kmh spüre ich ein kurzes Stottern, als würde Bertl der Saft fehlen. Nicht immer und auch nicht besonders stark. Aber da ist definitiv was. Ich nehme mir vor, 50 km mit der Hand an der Kupplung zu fahren und dann die Zündkerze zu prüfen. Aber dazu kommt es nicht. Nach gerade einmal 40 ziehe ich instinktiv die Kupplung als der Motor kurz hochdreht, ziehe danach gleich den Choke und gebe etwas Gas um mit dem zusätzlichen Sprit der Chokedüse Kolben und Zylinder zu kühlen. Dann schalte ich den Motor aus und rolle rechts ran. Bei bestem Wetter macht mir das ganze merkwürdigerweise gar nichts aus. Im Gegenteil. Mit Wetter wie diesem lässt es sich am Straßenrand ja ganz nett schrauben. Wieder ein kolossaler Unterschied zu Patagonien.

Ich packe alles ab und drehe die Zündkerze aus dem Zylinderkopf. Und die könnte nicht trockener und heller sein.

Vermutlich, ja vermutlich habe ich da gerade einen weiteren Klemmer verhindert. Ich klopfe mir imaginär auf die lächerlich gebrechlichen Schultern, prüfe den Benzinfluss vom Tank zum Vergaser, der mir normal erscheint, reinige alle Düsen und drehe sicherheitshalber sowohl eine HD 110 ein, sowie die LLGS auf 2 Umdrehungen raus.

Dann lade ich wieder mein Gepäck auf und mache mich an die Weiterfahrt, auf der ich nun penibel auf ein mögliches Stottern achte. Und lange muss ich nicht warten. Nach gerade einmal 2 km fahre ich wieder rechts ran, als ich zweifelsohne ein Stottern fühlen kann. Ich vermute nun die Ursache irgendwie hinter der 200er-Bedüsung und wechsle wieder auf die alte, also 140/BE5/110 sowie 45-140. Langsam merke ich schon wieder wie mein Geduldsfaden zur Zündschnur wird. Einer Zündschnur, deren Länge nochmal erheblich reduziert wird, als mir während des Düsenwechsels einer der Bit-Aufsätze neben dem Vergaser in die Vergaserwanne fällt und ich infolgedessen den ganzen Vergaser abschrauben muss um das Teil herauszuangeln. Letztlich sitzt nach ein paar Minuten aber wieder alles wo es soll und ich hoffe, dass die Reise so endlich weitergehen kann.

In den Worten von Andreas Möller: Vom Feeling her fühlt es sich gut an und ich versuche nun endlich mal Strecke zu machen. Aber exakt bei Gesamtkilometer 17.900 reißt mich ein heftiger Klemmer aus meiner Traumwelt, in der eine Vespa-Reise durch Südamerika auch wirklich so geil ist, wie sie klingt, zurück in die Realität.

Ich rolle rechts ran an den Mote-Stand (Mote, eine Art Saft aus in Zucker, Zimt und Wasser gekochten getrockneten Pfirsichen) einer gut aussehenden Chilenin und erkundige mich nach einer Übernachtungsmöglichkeit in der Nähe, da die Reise ganz offensichtlich so heute, zumindest nicht mehr weit, weiter geht.

Dann checke ich die Kerze. Hell und trocken. Zu wenig Sprit. Bei einer HD110. Der Hund muss wieder mal woanders begraben liegen. Nach Rücksprache mit Richard prüfe ich den Durchlass unterhalb der Nebendüse und versuche diesen eventuell Verstopften mit einem einzelnen Draht eines Bowdenzugs zu reinigen. Ohne Ergebnis. Im Sinne von, keine Verstopfung erkennbar.

Ich setze also alles zusammen, lasse Bertl noch etwas abkühlen und eiere dann, weil die Mühle wie üblich wieder anspringt, 15 km zu einem in der Nähe befindlichen Campingplatz, den ich über iOverlander aufspüren kann. Spät abends komme ich dort an, schlage mein Zelt auf, koche und gehe im Kopf wieder und wieder alles durch, was dabei helfen könnte die Klemmerursache zu finden. Ohne Erfolg. Normal ist das ganze längst nicht mehr.

Um das Ganze mal in Relation zu setzen. Selbst deutlich kurzlebigere Rennzylinder sollten Tausende Kilometer abspulen können, ohne zu klemmen. Das Setup, das ich fahre, muss eigentlich die fast 20.000 bisher gefahrenen Kilometer machen, ohne ein einziges Mal zu klemmen. Stattdessen stehe ich hier und kann inzwischen wohl nicht einmal mehr an zwei Händen abzählen, wie oft mir diese Scheiße schon passiert ist. Jedes Mal untersuche ich im Anschluss dieselben und auch neue mögliche Ursachen, jedes Mal können sie ausgeschlossen werden. Jedes Mal mache ich mich an die Weiterreise in der Hoffnung dass dieses Mal alles besser wird. Jedes Mal ereilt mich wieder dieselbe Scheiße.

Während ich so nachdenke fällt mir zwar auf, dass jeder der hier umhergeisternden, ausschließlich männlichen Personen Glatze trägt, denke mir aber noch nichts dabei. Erst als diese sich gegen 21 Uhr kurz vor Einbruch der Dunkelheit vor einem größeren Gebäude im Hof in Reih und Glied gegenüber stehen und sich irgendetwas unverständlich zuschreien, vermute ich, dass ich in den Fängen einer Sekte gelandet bin und morgen mit kahl geschorenem Kürbis aufwachen werde. Naja, auch egal. Dann haben wenigstens die Klemmer ein Ende.