Tag 210: no #ns5, no party!

Ich hinke hinterher mit der Nacherzählung. Aber ich hole häppchenweise auf…

Da ich Bertl am nächsten Morgen wieder brauche, um in der Stadt das übliche Klemmerreparaturset, bestehend aus Ätznatron, Pinsel und Schleifpapier, zu besorgen, lasse ich sie für heute noch zusammengebaut.

Ich spreche mit Oscar, einem der Befleischmützten, und erfahre, dass es sich bei meinem Zufluchtsort um eine Art Bootcamp-Entzugsklinik für Drogenabhängige handelt. Die etwa 25 ausschließlich Männer bewohnen kleine Cabañas und kümmern sich um die Anlage, die neben Picknickplätzen auch ein Schwimmbad umfasst. Als kleiner Nebenverdienst nimmt die Verwaltung, die aus rehabilitierten Ex-Bewohnern besteht, etwa EUR 12,- pro Nacht für einen Platz zum Campen. Für Chile ein echter Schnapper.

Mit Oscar sollte ich mich in den nächsten 36 Stunden recht gut anfreunden. Und das nicht nur weil er mich ständig mit dem zu viel gekochten Essen der Bewohner versorgt. Der Junge ist aufgeweckt, intelligent, ruhig, Ende 30, sieht aus wie Anfang 20. Letzteres liegt nach eigener Aussage daran, dass er sein Leben lang nie gearbeitet hat, wie er mit einem Schmunzeln erzählt. Über die Schattenseiten seiner Vita geben die Narben Auskunft, die er sich bei Messerangriffen zugezogen hat, und die er bereitwillig zeigt. Fünf Jahre chilenischen Knast hat Oscar außerdem bereits hinter sich. Wieso? Ich traue mich nicht zu fragen. Weniger aus Angst, als viel mehr aus Respekt. Meine Fragen beziehen sich eher darauf, wie er landen konnte, wo er gelandet ist.

Me aburrió la vida. Das Leben hat mich gelangweilt, lautet die einfache Antwort. Es scheint als wisse er selbst nicht genau wie das alles so passieren konnte. Meist haben wir nur etwa zehn Minuten Zeit für ein Gespräch, ehe er wieder zu einem Dienst oder der Konfrontationstherapie gerufen wird, bei dem ihm oder dem auserwählten Patienten, umringt vom Rest der Süchtigen, von einem der „Therapeuten“ aggressiv schreiend seine Schwachpunkte um die Ohren gehauen werden. All das findet draußen statt, nur einige Meter von mir und meinem Schraubplatz entfernt. Dazu muss ich den Jungs hier immer wieder Zigaretten anzünden, da ihnen die Regeln verbieten ein Feuerzeug in der Hand zu halten. Eine wahrlich weirde Szenerie.

Noch weirder als das Ganze ist nur Guillermo. Ein etwa 70 Jahre alter Mann, in deutlich zu kurzen Hosen, der auf dem Gelände der Klinik eine Cabaña angemietet hat. Auch er versorgt mich ständig mit Essen, redet aber wie ein Wasserfall. Und das ständig. Ständig ständig. Selbst wenn ich ihn unterbreche mit dem Hinweis, dass ich mich konzentrieren müsse, nickt er und redet einfach weiter. Dazu wedelt er dann bei jeder Gelegenheit mit einem Bündel einiger Tausend Pesos, das er in der Hemdtasche trägt.

Du reparierst den Roller selbst? Ich würde da in die Stadt gehen und einfach dafür bezahlen, sagt er, zieht sein Geldbündel aus der Hemdtasche und wedelt mir damit vor der Visage herum, während ich mit einem Pinsel Ätznatron im Vergaser verteile.

Das sind deine Lebensmittel? Pasta mit Fertigsauce? Ich würde ins Restaurant gehen und für mich kochen lassen, sagt er, zieht sein Geldbündel aus der Hemdtasche, wedelt mir damit vor dem Gesicht herum und stellt sich immer genau in die Richtung in die ich Bremsenreiniger in den Vergaser jagen will.

Und du reist ständig alleine? Ich würde da eine Frau aufs Moped setzen, die mir ein Steak brät, während ich das Moped repariere.

Mit mir will doch keine reisen, sage ich. Und Guillermo greift völlig überraschend in seine Hemdtasche, wedelt mit seinem Geldbündel vor meinem genervten Antlitz und faselt etwas davon wie er recht schnell eine Frau „in der Stadt“ finden würde.

Hier und heute nehme ich es gelassen. Nach all den lärmenden, stinkenden und hodenschwingenden Idioten, sind die Typen hier einfach nur genial irre.

Wie Alejandro, der Hausmeister, der den ganzen Tag um seinen Holzverschlag herum rödelt und mit der Genauigkeit eines Bundesliga-Platzwartes den sandigen Untergrund vor seinem Verschlag zwei Stunden lang mit einem Besen kehrt, bis dort kein einziges Blättchen Laub mehr zu finden ist.


Irre eben. Aber im Gegensatz zu zuvor, nicht in einer nervigen Art, sondern fast in einer witzigen.

Die Reparatur verläuft nach Schema F. Nachdem ich mit Bremsenreiniger, Ätznatron, Pinsel und feinem Schleifpapier zurückkehre, nehme ich die Seitenhauben, und zur besseren Zugänglichkeit, das Ersatzrad ab.


Dann Züge und Benzinschlauch aus- bzw. abhängen und Vergaser, Faltenbalg und Zündkerze demontieren.


Im nächsten Schritt, die schwarze Zylinderhaube abnehmen und dadurch den Zylinderkopf freilegen.


Zylinderkopf durch lösen der vier Muttern abnehmen.


Bertl unter Mithilfe von Hausmeister Alejandro aufbocken…


…und Auspuff sowie Hinterrad abnehmen.


Bolzen des Federbeins rausziehen und Motor hinten absenken.


Dann noch die Traversenschraube ziehen und den Motor leicht zur Seite neigen.

So kann der Zylinder abgezogen werden ohne die Stehbolzen zu entfernen. Der einzig korrekte Weg, wie ich ja auf den harten Weg lernen musste.


Sicherungsringe am Kolbenbolzen entfernen, Kolbenbolzen austreiben, Kolben entnehmen und ein Tuch oder in dem Fall eine Warnweste in das Kurbelwellengehäuse stecken um zu verhindern, dass irgendetwas dort hineinfallen kann.


Dann kann es an die Bekämpfung des Symptomes gehen. In diesem Fall ist das wie üblich den Kolben quer zur Arbeitsrichtung mit Schleifpapier zu bearbeiten, wo er im Zylinder klemmte. In diesem Fall an zwei Stellen.

An den entsprechenden Stellen befinden sich dann im Graugusszylinder Spuren des weicheren Alu-Kolbens…


…die mit dem Ätznatron entfernt werden.


Ich kratze außerdem den Ruß aus den Kolbenringnuten und verwende vor dem Wiedereinbau zwei neue Ringe.


Damit sind die Symptome aufgrund der großen Menge an Aluabrieb im Zylinder mittags um 16 Uhr etwa behoben. Parallel habe ich alles entnommene mit Bremsenreiniger gereinigt und unter Verwendung neuer Dichtungen wieder zusammengesetzt. Das eigentliche Problem: Die genaue Ursache des Klemmers ist weiter unbekannt. Ich hoffe, dass es sich um einen verdreckten Vergaser handelte und ich sie damit entsprechend behoben habe. Denn sonst ist der nächste Klemmer nur eine Frage der Zeit.

Eine Probefahrt verschiebe ich auf etwas später, da ich von Oscar dazu eingeladen werde mit ihm und einigen anderen seiner Leidensgenossen eine Partie Fußball zu spielen. Einen Moment bin ich geneigt abzulehnen. Dann denke ich, dass mir die Probefahrt ja nicht davonläuft und ich merke wie sehr ich Bock habe endlich mal wieder gegen eine Murmel zu treten. Ich ziehe mich schnell um und bereue dabei mein CR7-Trikot vor Monaten von Bogotá aus nach Hause gesendet zu haben. Egal. Ab auf den Platz.

Pro Team teilt der Babo einen Holzfuß zu, der sich dann zwischen den Pfosten wiederfindet. Zusammen mit vier anderen Namen, die ich längst wieder vergessen habe, trete ich gegen vier andere Namen, die ich längst wieder vergessen habe und Oscar an.

Und wer mal der „körperbetont“ spielenden chilenischen Nationalmannschaft bei der Copa América oder der WM zugeschaut hat, der kann sich vorstellen, wie das Spiel läuft, wenn neun der zwölf Beteiligten schon mal im Knast waren. Alter. Genau zwei Mal halte ich die Murmel etwas länger. Zwei Mal gibt es auf die Socken. Zwei Mal stehe ich auf ohne mich zu beschweren. Ich will ja nicht als Weichei gelten. Ab da besinne ich mich darauf, das Spiel von hinten zu dirigieren, was sich schwer genug gestaltet, ob der Tatsache, dass sieben von zehn Feldspielern auf dem Platz Flügelstürmer spielen wollen und vom Feinsten showboaten. Trotzdem ein brillantes Spiel, das #ns5 beendet, indem er im bekannten Modus „letztes Tor entscheidet“ dem gegnerischen Holzfuß-Goalie den Ball durch die Beine schiebt.

Zwar bin ich fit von einigem Trekking. Die schnellen Antritte und Bewegungen ist mein Kadaver aber offenbar nicht mehr gewohnt und mir tut schon kurz nach dem Kick alles so weh, dass ich die Probefahrt ausfallen lasse und ins Bett gehe.

Dann eben morgen gleich den Ernstfall proben.