Tag 211: Der Hahn muss laufen

An Tag 1 nachdem ich mich per Golden Goal in eine Liga mit Oliver „wir haben da vielleicht auch Fehler gemacht“ Bierhoff und David Trezeguet geschossen habe, werde ich am frühen Morgen von allen namentlich begrüßt. Wenn mich auch einige Normal, Morgan oder direkt Gringo nennen. Ich lasse alles als „namentlich“ durchgehen.

Es scheint als hätte ich die besten Erlebnisse immer genau dann, wenn Bertl streikt. Ganz einfach der Tatsache geschuldet, dass ich dadurch auch mal etwas länger irgendwo bleibe. Auch aufgrund von Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Übersetzen nach Panamá, kristallisiert sich immer mehr heraus, dass für meinen Seelenfrieden die bessere Alternative wäre, mir Zeit zu nehmen und wieder zum gemächlichen Reisetempo, wie zu Beginn der Reise, zurückzukehren.

Die heutige Reise beginnt mit der beschissenen Feststellung, dass mein kolbenklemmerproduzierendes Problem offensichtlich kein verdeckter Vergaser war. Denn während dieser ersten halben Stunde merke ich schnell, dass ab etwa 65 kmh weiterhin das Stottern auftritt. Und als ich deshalb zur Kerze sehen will, verbrenne ich mir fast die, seit 4 Monaten konstant öligen, Finger daran. Kein gutes Zeichen. Und das Zündkerzenbild der nagelneuen Kerze gibt auch keinen Anlass zur Freude.

Bei der Helligkeit der Kerze ist es ein Wunder, dass in dieser halben Stunde noch kein weiterer Klemmer meine eh schon nicht mehr ganz so heile Welt erschüttert hat. Denn ganz offensichtlich kommt viel zu wenig Sprit im Zylinder an.

Da der Vergaser sauberer nicht sein könnte, kommt eigentlich nur noch der Benzinhahn in Frage. Per WhatsApp mit Richard in Kontakt, nehme ich auf dem Pannenstreifen der chilenischen Autobahn den Bock wieder auseinander. In diesem Fall also Sitzbank runter, Tank raus. Alles neben einer aus dem Autofenster entsorgen Plastiktüte voller Fischabfälle, die so in der stechenden Sonne vor sich brutzelnd, die Luft mit einer besonderen Marke anreichern.

Anhand eines Videos, das ich ihm sende, und aufgrund der Tatsache, dass ich mit der Faser eines aufgezwirbelten Ersatzbowdenzuges nur tief in zwei der drei Löcher des Bezinhahns gelange, diagnostiziert Richard einen verstopften Benzinhahn. Den ich auch eine weitere halbe Stunde lang nicht frei bekommen kann. Ich komme zu der Auffassung, dass das Beste wäre, alles zusammenzusetzen und mich in die nächste Stadt zu retten. Mit einer Kanüle Bremsenreiniger lässt sich das Ding vielleicht frei pusten.

Als ich dann aber unachtsam die Sitzbank wieder an den Rahmen schraube und diese aufgrund Langloches dabei etwas zu weit vorne platziere, rastet sie im Zapfen ein. Und lässt sich nicht mehr öffnen. So kann weder das Moped betankt, noch können die Seitenhauben abgenommen werden um den Motor zu untersuchen. Die Vorstellung davon meine Sitzbank zerstören zu müssen um sie öffnen zu können, ist der Sargnagel für meine Motivation.

In diesem Moment habe ich nun einfach absolut gar keinen Bock mehr. Auf irgendwas. Dazu sticht mir ein merkwürdiger Kopfschmerz von innen gegen das Auge. Die grelle Sonne und der lärmende Verkehr tragen ihren Teil zur Verschlimmerung bei. Der Moment in dem ich beschließe die Reise per Bertl im chilenischen, mit großem Hafen ausgestatteten, Valparaíso zu beenden, sollten sich nicht die Probleme an Bertl zeitnah und nachweislich lösen lassen. Ich mache mir bereits Gedanken über Ersatzfahrzeuge, da eine Weiterreise per Bus nach den letzten Erfahrungen definitiv nicht in Frage kommt, komme aber zu dem Schluss, dass die Reise in diesem Fall komplett beendet wäre. Mein Ziel war ja nie, irgendwelche bestimmten Orte zu bereisen, sondern eher mit einer Vespa so viel und so weit wie möglich zu erkunden. Die Reise läuft also mit Bertl oder gar nicht.

Ich rette mich ins nächste Kaff, namens Collipulli, besorge eine Kanne Vergaserreiniger, stehe wieder für das obligatorische Foto bereit…

…und steige im miserabelsten Loch der Stadt ab. Mit 15.000 Peseten immer noch fast EUR 18,- teuer und schlechter als ein kolumbianisches Hotel für ein Viertel des Preises. Egal. Ich ziehe die Vorhänge zu, packe meine Ohrstöpsel in die Lauscher, nehme eine Tablette und liege gute zwei Stunden wach und mit geschlossenen Augen da bis der Schmerz hinter dem Auge nachlässt. An schlafen ist nicht zu denken. Zu sehr zermartere ich mir das Hirn über meinen fahrbaren Untersatz.

Als ich körperlich wieder in der Lage bin, widme ich mich der Reuse. Etwa eine halbe Stunde kostet es mich unter Fluchen, bis ich durch Lösen des Gepäckträgers und Hebeln mit dem 22er-Schlüssel die verdammte Sitzbank anheben kann. Dann entnehme ich wieder den Tank und blase mit dem Vergaserreiniger durch die Löcher des Benzinhahns. Da ich aber mit dem Draht weiterhin nicht weiter als etwa drei Zentimeter in das Loch gelangen kann, deute ich den Hahn weiter als verstopft. Weitere Reparaturversuche redet mir Richard aus und empfiehlt mir stattdessen wieder 150 km nach Süden zu fahren, wo ein mit ihm befreundeter Vespa-Mechaniker seine Werkstatt, inklusive Spezialschlüssels zur Benzinhahnentfernung, hat. Am besten per Transport um keine weiteren Schäden zu riskieren.

Aber wieder nach Süden fahren. Dazu 150 km? Noch immer hänge ich irgendwie an meinem Zeitplan und will das nicht so richtig als einzige Lösung wahrhaben. Dazu verläuft die Suche nach einem Transport ergebnislos. Wenn man von den zwei aufgerufenen Preisen in Höhe von umgerechnet 195 und 230 Euro absieht.

Irgendwann kristallisiert sich heraus, dass es wohl einfacher wäre, per Bus mit dem Tank nach Loncoche zu fahren, wo Axel, der Mechaniker, sein Zuhause wähnt. Dort könnten wir den Benzinhahn entfernen, ordentlich reinigen und am nächsten Tag könnte ich per Bus wieder nach Collipulli fahren, Bertl zusammenbauen und ab dafür.

Axel, der kein WhatsApp nutzt, lässt mir, der ich keine chilenische Sim Karte habe, über Richard ausrichten, dass ich doch am besten auch gerade noch Vergaser und Auspuff mitnehme. Ich halte das für unnötig, habe ich doch den Vergaser erst gründlichst gereinigt und aufgrund des kaputten Mutternkäfigs am Auspuff kein gesteigertes Interesse daran, diesen öfter als unbedingt notwendig abzunehmen.

Aber ich leiste treu Folge, demontieren alles und gehe mit neuer Hoffnung in die Haja. Verstopfter Benzinhahn. Sollte es am Ende doch so einfach sein?