Tag 212: Sandwich alemán

Sollte es nicht.

Nach einer Nacht, in der ich wie die letzten Nächte bereits auch schon einen sehr leichten Schlaf mit vielen Unterbrechungen hatte und einer außergewöhnlich ereignislosen und reibungslosen Busfahrt, ist es Mittag, etwa 13 Uhr, als ich in Loncoche ankomme. Da ich nicht weiß wieviel Zeit Axel für mich hat und wie lange wir brauchen, erstehe ich noch kein Ticket für die Rückreise, sondern warte erst einmal geduldig auf Axel. Dieser kommt nach etwa einer halben Stunde gemeinsam mit seinem Enkel Cristóbal am Terminal des absolut toter als toten Pueblos Loncoche an. Meine Nachfragen bezüglich des Rückfahrtstickets lässt Axel unbeantwortet. Nein nein, das brauchst du jetzt noch nicht. Nun gut, dann eben noch nicht. Wir gundeln durch den ganzen Pueblo, kaufen Brot, machen diverse Erledigungen und fahren dann die 5 km geschotterte Straße zu Axels Haus auf dem angrenzenden Berg. Vier Hunde, sechs Schafe, haufenweise Hühner und Axels reizende Frau begrüßen mich dort.

Axel ist 71 Jahre alt, hatte früher eine Werkstatt in der Hauptstadt Santiago und kümmert sich inzwischen noch aus reiner Nächstenliebe und für einen schmalen Taler um die Motorräder seiner Freunde und Motorradreisender.

Erst einmal serviert uns Axels Gattin aber Maiskuchen zum Mittagessen bevor es an die Arbeit geht. Etwa zehn Minuten benötigt Axel um mit einem improvisierten Werkzeug den Benzinhahn zu entfernen. Sein Spezialschlüssel von dem Richard gesprochen hatte, ist ähnlich meiner Selbstachtung seit vielen Jahren verschollen.

Weitere fünf Minuten später, teilt mir Axel mit, dass der Benzinhahn einwandfrei in Schuss ist, sauberer nicht sein könnte und selbiges auch für Vergaser und Auspuff gelte. Diese eigentlich positiven Nachrichten, sind in diesem Fall negative. Denn das bedeutet, dass die Ursache für den letzten Klemmer noch immer unklar ist. Ich hatte gehofft einen verendeten Elch darin vorzufinden. Mindestens jedoch ein Stückchen Dreck. Eventuell so meint Axel, war der Hahn verstopft und ich habe ihn mit dem Vergaserreiniger eben doch freigeblasen. Zweckoptimismus. Nicht mehr.

Zwar hat sich im Tank einiges an Dreck, darunter ein Blatt eines Baumes, angesammelt.

Als Ursache für einen blockierten Benzinfluss kommt das allerdings nicht in Frage. Dazu sind zwischenzeitlich sämtliche Bustickets für den Direktbus nach Collipulli vergriffen. Läuft mal wieder. Einzige Option: Ein Zwischenstopp in Temuco. Um dort den Anschlussbus zu erwischen, muss ich allerdings um 7 Uhr in Loncoche, sprich um 6:30 Uhr von Don Axel’s Bauernhof, los. Auch Axel, der gewöhnlich bis um 9 Uhr in der Falle liegt, muss also früh raus um mich in den Pueblo zu fahren. Mir etwas unangenehm, aber irgendwie auch selbsteingebrockt.

Zum Abendessen serviert sich Axel selbst ein von ihm sogenanntes Sandwich alemán. Ein Brötchen mit Marmelade und Schinken, das ihm von einem anderen deutschen Motorradreisenden vor Jahren als deutsche Spezialität verkauft wurde. Ich passe und bleibe beim Käsebrot. Ohne Marmelade.

Ich liege abends noch lange wach. Das Problem ist weiter unklar. Auch Axel, der sein Leben lang Motorräder repariert hat, und selbst fünf Vespas besitzt, fallen zu meinem geschilderten Fehlerbild keine weiteren möglichen Ursachen mehr ein. Das letzte Bisschen Hoffnung in mir klammert sich an die Theorie des freigeblasenen Benzinhahnes. Der rationale Onkel N. in mir weiß aber sehr wohl, wie unwahrscheinlich das ist und schläft mit Sorgenfalten ein.