Tage 213 und 214: The end is near

Wieder schlafe ich unruhig. Irgendwie durch, aber nicht tief. Egal. Es geht zurück nach Collipulli. Und alles was ich dabei habe, sind mein Tank, mein Vergaser, mein Auspuff und die Idee alles wieder zusammenzubauen und auf eine wundersame Selbstheilung zu hoffen. Harte Zeiten, in denen das der beste Plan zu sein scheint.

Nach Ankunft um etwa 13 Uhr kann ich aber gerade genug Motivation aufbringen, den Tank und den Vergaser einzubauen. Vor dem Auspuff und seinem Mutternkäfig, der noch gebrechlicher scheint, als ich, graut es mir und ich prokrastiniere etwas, als ich den restlichen Tag lieber im Internetcafe an einem PC verbringe.

Auch am nächsten Morgen schiebe ich das alles noch weiter vor mir her, als ich mir deutlich mehr Zeit lasse, mein Zeug zu packen, als üblich. Irgendwie scheue ich mich davor wieder auf den Bock zu sitzen und dem unausweichlichen entgegen zu fahren. Dem nächsten Klemmer.

Irgendwann gehe ich es aber an. Ich tausche auch noch die CDI, als mögliche (sehr sehr unwahrscheinliche) Fehlerquelle und widme mich dann dem Auspuff. Nach etlichen erfolglosen Versuchen biege ich den scheiß Mutternkäfig einfach ab, muss aber feststellen, dass das übrige festgeschweißte Stück genau den Weg für einen Schraubenschlüssel blockiert. Mit dem Auspuff in der Hand laufe ich also durch den Pueblo, bis ich in einer Werkstatt einen Dreher finde, der mir für umgerechnet einen Euro jenen Rest wegflext.

Den Auspuff so anzubringen scheint auf den ersten Blick einfacher, erfordert jedoch wohl einige Versuche um eine passable Methode zu finden. Nach viel Spielerei kann ich die Mutter mit der Spitzzange vor dem Bolzen fixieren und diesen ein Stück weit eindrehen. Im Anschluss fixiere ich die glücklicherweise quadratische 17er-Mutter mit dem 19er-Schlüssel und drehe den Bolzen ganz ein. Erleichterung macht sich zunächst breit, ehe Ernüchterung diese verdrängt, da ich realisiere, dass nun alles erledigt scheint und ich wohl losfahren muss. Mit jeder Faser meines Körpers widerstrebt es mir zwar. Aber da ich es mit dem Beten nun auch nicht so halte, weiß ich nicht was ich sonst noch tun könnte.

Als allerletzte Amtshandlung entferne ich aufgrund der Hitze endlich diese beschissenen Lenkerstulpen, die Bertl seit Tausenden Kilometern verschandelt hatten und kicke die Alte kurz zur Probe an. Auf den ersten Kick rattert sie. Ich drehe den Schlüssel wieder herum und mache damit Bertl aus, packe all mein Zeug auf den Hobel und kleide mich selbst mit meiner Motorradausrüstung ein.

Als ich dann aber auf dem Gehweg vor dem Hostel kicke, nichts. Kein Muckser. Mit und ohne Choke. Irgendetwas ist weiterhin im Argen. Wie sollte es ehrlicherweise auch anders sein…

Ich schiebe Bertl also wieder zurück in den Hof des Hostels, entkleide mich wieder, packe alles ab und versuche das Problem zu orten. Nach einigen Minuten schaffe ich es dann die Mühle mit einer nagelneuen Zündkerze auf den ersten Kick anzutreten. Merkwürdig, aber eventuell hatte nur die Kerze nen Schatten.

Und wie ich die Karre so im Innenhof laufen lasse, während ich mein Zeug wieder aufsatteln will, da merke ich, dass doch eine nicht unerhebliche Menge weißer Rauch aus dem Auspuff austritt. Nach ein paar Minuten ist der Innenhof derart eingebebelt, dass man meinen könnte, in Rom sei ein neuer Papst gewählt.

Richards Diagnose ist so eindeutig wie niederschmetternd. Weißer Rauch spricht seiner Meinung nach dafür, dass Getriebeöl mitverbrannt wird, dass durch einen undichten Wellendichtring ins Kurbelwellengehäuse eintritt. Das wäre dann auch eine potentielle Falschluftquelle und würde den vorangegangenen Klemmer erklären. Seine Empfehlung lautet die Entlüftungsschraube der Kupplung durch eine normale Schraube zu blockieren, dadurch Falschluft zu reduzieren und mich wieder auf den Weg zu Axel machen, der wohl bereit wäre mir beim Spalten des Motors und bei der Fehlersuche zu helfen.

So ganz will ich es nicht wahrhaben, denn mit neuer Kerze läuft Bertl im Stand vergleichsweise rund. Die üblichen Falschluftsymptome wie Absterben oder unkontrolliertes Hochdrehen kommen nicht vor. Dazu zeigten sich bei den letzten Ölwechseln, zuletzt vor circa 800 km, keine Auffälligkeiten. Soll heißen, dass weder weniger Öl herauskam, noch dass es in irgendeiner Form nach Benzin gerochen hätte, was gewöhnlich die Theorie des undichten Wellendichtrings (auch Simmerring) bestätigen würde.

Mit all dem im Hinterkopf und weil Bertl ja wieder ansprang mit neuer Kerze mache ich mich doch auf den Weg. Eine dumme, völlig planlose, nicht durchdachte, keineswegs rationale Entscheidung. Denn letztlich hatte sich genau gar nichts verändert und die Zündkerze bestätigt mir das bei der ersten Pause.

Beim sogenannten Zündkerzenbild kann man grob drei Kategorien unterscheiden.

• Schwarz: Zu viel Benzin / zu wenig Luft

• Braun: Genau richtig

• Weiß: Zu wenig Benzin / zu viel Luft

Meine nagelneue Kerze steht dann nach 30 km mit etwa 65 km/h in der Farbe dem Teint meiner bleichen Kalkleisten in Nichts nach. Wieder: Ein Wunder, dass der Schlitten nicht längst gestreikt hat.

Gemächlich fahre ich noch etwa zehn Kilometer weiter bis zum nächsten Pueblo namens Mulchén. Das ist das einzig positive an dieser ganzen Situation. Mindestens alle 30 km ein Pueblo oder eine Stadt. Völlig verloren wie in Patagonien ist man hier nicht, wenn der Hobel streikt.

Ich brauche einen Ort um in Ruhe nachzudenken. Darüber was es sein könnte, darüber ob es doch besser wäre auf Richard zu hören, darüber was ich im Vespaforum, wo ich großartige Unterstützung erhalte, für Nachfragen stellen kann.

Ich frage also an der Dorftanke nach einer günstigen Unterkunft und werde zu zwei Hotels gesendet, die mir dann aber beide mit EUR 35,- etwas zu teuer sind. Vom Besitzer des zweiten Hotels werde ich zu einer weiteren Hospedaje um die Ecke weitergesendet, wo ich nachfragen solle, während er auf meinen Roller aufpassen würde. Der Auftakt zu merkwürdigen zwei Stunden.

Zunächst öffnet mir bei der genannten Adresse eine ältere Dame. Als ich sie nach einem Zimmer frage, schließt sie die Tür, kommt nach geschlagenen fünf Minuten wieder um mir zu erzählen, dass leider kein Zimmer mehr zu haben sei. Als ich mich nach weiteren Adressen günstiger Unterkünfte erkundige, werde ich gebeten einzutreten. Francisco, der Besitzer der Herberge schenkt mir Saft ein und erzählt mir von seinem eigenen Motorrad. Alles schön und gut, denke ich. Aber der Kadett von Hotel 2 steht während dieser ganzen Zeit vor seinem Hotel und bewacht meine Reuse.

Ich frage also unter Hinweis auf mein kaputtes Töff, ob er mir eine weitere günstige Unterkunft empfehlen kann und er schaut völlig entrüstet. Hier, du bleibst heute hier.

Ich dachte es gibt keine Zimmer mehr? frage ich vorsichtig. Wer sagt denn sowas? Komm mit.

Ich komme mit. Ich werfe meine Motorradjacke und den Helm in der habitación ab und werde dann vom völlig zappeligen und mir viel zu aktiven Francisco wiederholt gefragt, was ich brauche um das moto zu reparieren. Ich sage jedes einzelne Mal die selben fünf Worte: Internet, Ruhe, Stift und Papier.

Was bei Francisco ankommt: Stress, einen Mechaniker, mehr Stress, ein minutenlanges Gespräch über Motorräder und mehr Stress.

Er gibt mir kaum Informationen, sagt, komm wir holen das moto, steig ein und deutet auf sein Auto. Ich weise daraufhin, dass Bertl ja nur 200 Meter weit weg steht, gehe aber bei Franciscos Statur davon aus, dass er gewöhnlich tatsächlich auch solche Strecken mit dem Auto zurücklegt. Er lässt nicht locker und ich steige seufzend in sein Auto ein, mich bereits von dem Gedanken verabschiedend heute noch irgendwas produktives zu leisten.

Wir fahren einmal um den Block, wo Bertl wartet und schieben sie im benachbarten Haus in den Garten. Also nicht in den Garten der Herberge, sondern in den eines weiteren Hauses in Franciscos Besitz. Noch besser als in der Hospedaje (wo ich ja bereits meine Kleidung abgeworfen habe) ist hier. Du bleibst am bestem hier heute, sagt er und deutet auf ein einsames Bett in einem riesigen sonst leerstehenden Haus. Aber Francisco, sage ich. Gibt es hier denn Internet?

Internet? Ah, brauchst du? Nee, dann besser doch im anderen Haus. Wir holen die Vespa später. Komm wir fahren zu einem Mechaniker. Morgen ist das Teil repariert. Ich sage, dass ich mir das nicht vorstellen kann, das Problem vermutlich tief im Motor liegt und ich einfach nur etwas Zeit und Ruhe brauche. Quatsch sagt Francisco. Mein Mechaniker hilft dir sofort.

Noch immer trage ich bei 32 Grad meinen durchgeschwitzten Baumwollpullover. Zeit zum Umziehen gibt mir Francisco nicht. Aus Höflichkeit widerspreche ich nicht weiter, während wir mit gefühlt 130 kmh durch den Pueblo zum Haus des Mechanikers fahren. Was dieser, der er vermutlich noch nie eine Vespa gesehen hat, dann ohne die Vespa vor sich zu sehen ausrichten soll? Das bleibt Franciscos Geheimnis. Ich koche nicht nur wegen der Hitze bereits innerlich, traue mich aber nicht etwas zu sagen. Francisco ist schließlich die letzte Chance auf eine günstige Unterkunft.

Wir parken vor dem vermeintlichen Haus „seines Kumpels“, Francisco öffnet das Tor und tritt ein. Schnell macht er sich wieder an den Rückzug, als ihn beinahe der dort wacheschiebende Hund in die dicken Waden beißt. Eine voluminöse Frau öffnet die Tür. Francisco frägt nach Alex, dem Mechaniker, woraufhin auch ein dicker Mann ohne T-Shirt erscheint. Ein Mechaniker wohnt hier keiner, amigo, knurrt er und schlägt die Tür zu.

Was passiert hier eigentlich gerade, frage ich mich. Ist bestimmt weiter die Straße runter, sagt Francisco und parkt das Auto drei Häuser weiter. Als er vor dem nächsten Haus steht und laut ruft Halo, Alex? bleibe ich im Auto sitzen, das Gesicht in meine Hände vergraben und versuchend nicht zu explodieren. Bestimmt gerade beim Arbeiten murmelt Francisco als er sich zurück ins Auto wuchtet. Welch ein Wunder, mittags um 15 Uhr, denke ich. Ich bitte Francisco ganz beherrscht mich doch bitte zurückzufahren, so dass ich mich endlich umziehen, duschen und recherchieren kann. Und wie durch ein Wunder akzeptiert er diesen Vorschlag und ich mache mich an die Arbeit.

Und nach langem Abwägen sowie einigen Ratschlägen aus dem Forum, beschließe ich, dass es wohl das Beste ist, mit Axel den Motor zu spalten. Die Entscheidung wieder in die Gegenrichtung zu reisen fällt nicht leicht. Aber die Alternative ist tatsächlich langsam das Aufgeben. Denn es macht natürlich so keinen Spaß mehr. Seit Hunderten Kilometern bekomme ich von der Landschaft schon gar nichts mehr mit, da ich nur noch darauf bedacht bin, dem Motor zuzuhören. Dazu springt die Karre schlecht an. Jedes Mal dann wenn ich in der Hitze bereits schon wieder dick eingepackt bereit bin zur Weiterfahrt und ich dann in der Folge nassgeschwitzt alles wieder abpacken muss. Alles kleine Schläge ins Kontor, die ich einfach nicht mehr brauchen kann.

Ich befolge zunächst Richards Hinweis, die Entlüftungsschraube der Kupplung durch eine gewöhnliche Schraube zu ersetzen und mache mir dabei wieder unnötig selbst Arbeit. Denn dass es gereicht hätte, lediglich den Vergaser zu entfernen, stelle ich fest, nachdem ich bereits die Luft aus dem Hinterrad abgelassen und selbiges mitsamt Auspuff abgenommen habe.

Zu allem Überfluss stellt sich die zu ersetzende Schraube im Schraubenladen als M7 heraus. Eine Größe, die so in diesem Nest hier nicht zu bekommen ist. Ich opfere den am meisten beschädigten (M7-)Zylinderstehbolzen aus meinen Ersatzteilen, trenne mit der Flex von Francisco den Teil mit dem Gewinde ab und habe dadurch mit der sowieso schon auf dem Gewinde verkanteten Mutter eine perfekte Schraube. Diese drehe ich in den Kupplungsdeckel…

…und friemle das, provisorisch mit der Fahrradluftpumpe leicht aufgeblasene Hinterrad sowie den Auspuff auf Bertl.

Der Rest muss warten bis morgen, beschließe ich, ob der bereits hereinbrechenden Dunkelheit, wasche mir die Patschen, esse mit Francisco zu Abend und falle müde in die Koje.