Tage 215 und 216: Ein Fünkchen Hoffnung

Es stellt sich als positiv heraus, dass ich den Vergaser am Vortag noch nicht wieder aufgeschraubt habe. Denn aufgrund eines Hinweises im Forum, tausche ich doch lieber wieder zurück auf die Original-Entlüftungsschraube und entscheide mich stattdessen dafür die Strumpfhose wieder auf den Faltenbalg zu ziehen. Diese hatte schließlich davor schon wochenlang die Kerze schwarz gehalten. Mit der dadurch unterdrückten „Korrektluft“-Zufuhr will ich die potenzielle Falschluft ausgleichen.

Als die Änderungen umgesetzt sind, scheint die nächste Zündkerze durch zu sein. Denn anspringen tut Bertl wiederum nur mit einer weiteren sauberen trockenen Kerze aus meinen Ersatzteilen. Dann läuft es aber ganz okay. Ich bin ständig mit Wechselgas unterwegs, halte den Gashahn also nie länger als ein paar Sekunden in der selben Position. Außerdem halte ich mich weitestgehend im Bereich 45 bis 55 kmh auf, wo gefühlsmäßig noch kein Stottern, also keine schlechte Benzinzufuhr auftritt. Ich denke bereits darüber nach die knapp 230 km nach Loncoche zu Axel an einem Tag zurückzulegen.

Aber wie üblich wenn ich Überlegungen wie die Obige anstelle, passiert etwas unvorhergesehenes: Wegen der geringen Geschwindigkeit und des extrem hohen Verkehrsaufkommens entscheide ich mich für die Fahrt auf dem Pannenstreifen, als ich das dritte Mal haarscharf überholt und geschnitten werde. Nicht ohne dem Überholenden zuvor noch meine Abneigung in Form eines erhobenen Mittelfingers auszudrücken und dadurch von den weiteren Überholenden mit nach oben gereckten Daumen überzogen zu werden.

Der Pannenstreifen aber sollte sich als eine der eher schlechteren Entscheidungen herausstellen. Denn wie schon in Peru scheint sich hier die Creme de la Creme der Reifenkiller die Klinke in die Hand zu geben. Drähte, Scherben, Schrauben, Nägel soweit die trüben Blinker reichen.

Einer dieser Reifenkiller wird mir circa 300 Meter vor der Mautstelle zum Verhängnis, als mir schlagartig die Luft aus dem Hinterreifen entweicht und ich aufgrund der Last des Gepäcks ins Schlingern gerate. Mit Mühe und Not komme ich gerade noch rechtzeitig, bevor ein Sturz unvermeidlich gewesen wäre auf dem Pannenstreifen zum Stehen. Ich wuchte Bertl auf den Hauptständer, was sich mit komplett plattem Hinterreifen nicht so einfach gestaltet und muss erst einmal absitzen. Zu stark zittern die muskellosen Fischgräten, die mir bei meiner Geburt als Beine mitgegeben wurden.

Mir sticht das Schild ins Auge, das nur wenige Meter von mir steht und mich darüber in Kenntnis setzt, dass Collipulli noch 13 km entfernt ist. Axel rechnet sowieso nicht vor morgen mit mir. In Collipulli gibt es sowohl ein günstiges Hotel, als auch ein Internetcafe. Und nach dem eben Erlebten, reicht es mir für heute eigentlich auch schon wieder.

Ich packe also ab und wechsle am Straßenrand in der prallen Sonne meinen Schlappen.

So rette ich mich und Bertl nach Collipulli, stelle Bertl im Hotel ab und verbringe einen weiteren Nachmittag an einem Computer.

Als Arbeitsnachweis stehen für heute gerade einmal etwa 40 Kilometer zu Buche. Bis nach Loncoche fehlen noch weitere etwa 185. Klingt schlimmer als es ist. Denn die Kerze sieht nach diesen 40 km schwarz genug aus.

Und die Aussicht darauf mit einem erfahrenen Vespa-Mechaniker gemeinsam den Motor zu spalten und dem Übel, das ich wohl seit vielen Hundert, eventuell gar Tausend Kilometern, mit mir herumfahre, endlich auf den Grund zu gehen erfüllt mich mit neuer Euphorie. Wobei Euphorie etwas hochgegriffen scheint. Es ist mehr ein kleines Flämmchen Hoffnung, das da wieder in mir lodert. Gleichzeitig ist aber klar. Wenn dieser Einsatz an Bertl ergebnislos verläuft, sprich, keine nachweislich plausible Erklärung für den/die Klemmer liefert, dann ist das das Ende der Reise. Schluss. Aus. Vorbei. Axel kennt das Handbuch der Vespa auswendig, repariert diese Dinger seit Jahrzehnten. Dazu kommt, dass es außer den Innereien des Motors nun wirklich nichts anderes mehr sein kann. Die Konsequenz, die Reise bei Erfolglosigkeit zu beenden scheint also nur auf den ersten Blick etwas radikal. Genauer betrachtet macht sie absolut Sinn.

Weiters habe ich für mich beschlossen Kanada, beziehungsweise alles nördlich von Südamerika auf dieser Reise zu streichen und die gesamte Zeit für Südamerika zu verwenden und damit also zum gemächlichen Reisetempo zurückzukehren. Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass in Patagonien nicht viel mehr blieb, als einfach durchzurauschen. Schließlich gab es unterwegs schlicht nichts außer Pampa und einem Weidezaun.

Allein der Gedanke daran wieder mehr Zeit zu haben, erfüllt mich mit so viel Erleichterung, dass ich es kaum erwarten kann mit Axel den Motor zu öffnen und Bertl wieder fit zu machen.

Das überträgt sich auf meine gesamte Stimmungslage. Die verlorenen Tage, die mich vorher schwer belastet hätten, interessieren plötzlich nicht mehr. Und obwohl ich dann für die Etappe von Collipulli nach Loncoche mit einer Vespa unterwegs bin, die jederzeit den Geist aufgeben könnte, könnte meine Laune nicht besser sein. Plötzlich sind all die Gespräche, die mir bei meinen zahlreichen Pausen aufgedrückt werden, wieder interessant für mich und nicht nur noch nervig. Ich beginne wieder zu posieren, wenn ich aus überholenden Autos gefilmt und fotografiert werde, grüße hupende Autos zurück und merke wie viel mir wohl die vergangenen Wochen abging.

Aber es ist auch schwer sich so entspannt zu zeigen, wenn man mit einer Maschine unterwegs ist, die einen jederzeit wieder drei Tage Arbeit und jede Menge Nerven kosten könnte. Meine Stimmungslage und Bertl’s Gesundheitszustand korrelieren wirklich absolut deckungsgleich. Meine gesamte Laune. Komplett und ohne Ausnahme hängt ausschließlich von ihrem Wohlbefinden ab.

Heute lache ich wieder viel. Als mir zum Beispiel die Dame an der Mautstelle mein Geld und eine Fakequittung wieder zurückgibt und mich durchwinkt, weil sie meinen Hobel so schick findet. Oder als ich mich dabei ertappe, wie ich Roxettes Listen to your heart als Listen to your engine in den Helm singe um mich selbst daran zu erinnern die Warnsignale nicht zu überhören.

Dass ich heute morgen auf den ersten 80 km friere, weil es kalt und neblig ist? Geschenkt. Denn diese Gegebenheiten sind zwar schlecht für mich, aber exzellent für meine alte Dame. Ein Überhitzen wird dadurch eher unwahrscheinlich.

Dass mich nach jenen 80 km um 11 Uhr morgens bei einer Kaffeepause die Nachricht erreicht, ich möge doch bitte am Straßenrand der Autobahn bei der Abzweigung zu Axels Bauernhof warten, bis er dort um 21 Uhr erscheint – bei meiner hochgerechneten Ankunftszeit wären das etwa sieben Stunden – Geschenkt.

Ich mache stattdessen auf halber Strecke Pause und verbringe den Nachmittag im einzigen am Sonntag geöffneten Internetcafe der Großstadt Temuco.

Während der Kaffeepause muss ich noch mehrmals lachen. Als zwei Kinder mich mit ihrem Smartphone im Anschlag und einem Funkeln in den Augen wegen meiner GoPro fragen, oiga usted tiene un canal de Youtube?, hören Sie, haben Sie einen Youtube-Kanal? und dann ohne ein weiteres Wort zu sagen enttäuscht wieder abziehen als ich Nein sage.

Als ich wieder mal gefragt werde, ob meine Bertl ein Elektroscooter sei. Und dann noch als ich zum wiederholten Male gefragt werde, wie lange ich gebraucht habe, um mit der Vespa von Deutschland nach Kolumbien zu fahren. Anfangs hatte ich etwas Mitleid, hatte ich dieses Unwissen auf einen fehlenden Schulzugang geschoben. Je öfter mir die Frage aber gestellt wurde, desto öfter kam mir in den Sinn, dass verdammt nochmal jeder ein Smartphone mit Google Maps besitzt und ein Blick auf die Landkarte zeigen sollte, dass es mit einer Landverbindung von Alemania nach Südamerika schwierig wird.

Gegen Nachmittag/Abend bringe ich dann endlich wieder mal (auf Bertl) gut gelaunt die letzten 80 km hinter mich. Ein paar Mal habe ich kurz Bedenken, ob verdächtiger Geräusche aus dem Motorraum. Alles stellt sich aber letztlich als Produkt meiner Fantasie heraus. Ich erreiche gegen 20 Uhr die Herberge an der Abzweigung zu Axels Bauernhof. Und nur einige Minuten nach mir, erreicht mich eine Nachricht von Richard, dass Axel heute zu spät zurückkehren wird. Ich solle mit Luis, dem Eigentümer der Herberge sprechen, dass er mich über Nacht dort absteigen lassen solle. Morgen früh würde er mich dann abholen.

Das ist mir in diesem Moment sogar eher recht, denn die Lust darauf heute noch bei Dunkelheit die 5 km Schotterpiste hinter mich zu bringen, hält sich in Grenzen. Und ein kurzes Gespräch mit Luis später, darf ich im Garten der Herberge für lau mein Zelt aufschlagen.

Bertl schläft ebenfalls sicher neben mir im Garten. Alles also halb so wild. Vor dem Schlafen streiche ich ihr zärtlich über die Sitzbank und verspreche ihr dass alles gut wird und das noch nicht das Ende ist.

Und dann rede ich mir das auch noch selbst ein und schlafe schließlich ein.

Alles wird gut. Das ist noch nicht das Ende.