Tage 217 bis 224: Wir rollen wieder

Der nächste Morgen, an dem mich Axel also abholen möchte, ist ein sehr chilenischer Morgen. Also zumindest was die Definition der Zeit angeht. Denn er endet um 15:30 Uhr. Solange sitze ich ohne Informationen zu erhalten in dem Restaurant, in dessen Garten ich die Nacht verbracht hatte. Alles nicht so schlimm. Mit dem Wissen keinem Zeitplan mehr hinterherhasten zu müssen ist mir das ziemlich egal.

Außerdem ist Axels Begründung für die Verspätung eine verdammt gute. Zwei Schafe sind entlaufen und gemeinsam mit Enkel und Nachbar hatte er jene den ganzen Morgen gesucht.

Mein Gepäck fährt mit Axels Auto zu seinem Hof. Bertl und ich müssen die Reise auf eigener Achse antreten. Die Rüttelpartie scheint niemals enden zu wollen. Nach gefühlt einer Stunde, die in Wahrheit 15 Minuten lang war, kommen wir aber an.

Und verlieren keine Zeit. Axel will noch kurz Bertls Sound hören und dann geht es schon an die Demontage. Keine zwei Stunden später liegt ein komplett zerlegter Motor vor uns. Auf einer provisorischen Werkbank, bestehend aus einem Holzbrett. Immer wieder fällt irgendein Teil in den Sand. Ich kann mir nicht vorstellen bei der Montage alle Teile wiedervorzufinden, mahne mich aber positiv zu denken. Das ist schließlich nicht der erste Motor, den Axel zerlegt.

Die Erkenntnisse sind schlimm. Und dadurch gut. Denn noch schlimmer als der schlimmste Schaden, wäre gewesen keinen solchen zu entdecken. Und so sieht die Mängelliste aus wie folgt:

• Total lose Kupplungsmutter; Zur Demontage brauchte es nicht mal einen Schlüssel oder eine Ratsche

• Vermutlich dadurch ein beschädigtes Kurbelwellenlager

• Vermutlich durch das beschädigte Lager ein kaputter Simmerring durch den Falschluft in den Motor gekommen sein könnte

• Im gesamten Motor sind haufenweise Metallsplitter unbekannter Herkunft

• Die Kolbenringe sind laut Axel Ringe für einen Viertaktmotor –> härter und nicht tief genug in der Ringnut

Außerdem nutze ich den Moment und flicke meinen Reifen. Der Schlauch aber ist irreparabel beschädigt. Kein Wunder beim Anblick der Ursache.

Die Dimension dieses Reifenkillers erklärt auch das schnelle Entweichen der Luft und mein Schlingern.

Zurück aber zum Motor: Die Liste der benötigten Teile ist damit gar nicht so lang wie ursprünglich befürchtet. Und wieder einmal rettet mir Richard den Arsch, indem er mir seine Wellendichtringe sowie Lager aus seinem persönlichen Ersatzteilsammelsurium zur Verfügung stellt und sich bereit erklärt diese noch am nächsten Morgen per Post nach Loncoche zu versenden. Sämtliche Überlegungen darüber die Teile per persönlicher Abholung in Argentinien zu besorgen, verbunden mit über 20 Stunden Busfahrt, erübrigen sich damit. Und da die Anlieferung nicht vor Freitagmittag erfolgt, beschließe ich am heutigen Montagabend am nächsten Morgen mit Axel nach Villarrica zu fahren, wo er mit seiner Schwiegermutter einen Termin beim Neurologen hat.

An diesem Abend werde ich noch gezwungen zuzusehen, wie eines der wiederaufgetauchten aber schwer verletzten Schafe Axels zu einem Plato del día verarbeitet wird…

…bevor ich mich daran machen kann, meine Sachen für den nächsten Tag zu packen. Nur mit dem nötigsten im Rucksack und mit meiner Campingausrüstung, schlage ich also tags darauf mein Zelt wieder auf demselben Campingplatz auf, auf dem ich vor einigen Tagen gerne meinem Zeltnachbarn eine Handgranate in seine stinkende Strandmuschel geworfen hätte. #greatmemories

Meine Aufgabe in dieser ganzen Reparatur beschränkt sich vorerst darauf Dichtungspapier, ein paar Muttern und Getriebeöl zu besorgen. Den Rest der Zeit verbringe ich tatsächlich vier Tage lang von früh morgens bis spät abends ununterbrochen im Internetcafe und sehe anders als bei meinem letzten Besuch auf dem Nachhauseweg jeden Abend den Volcan Villarrica.

Am Samstagmorgen reise ich dann voller Euphorie früh um neun Uhr die eine Stunde zurück nach Loncoche, wo wie es der Zufall will im Busterminal der Stadt bereits meine Ersatzteile auf mich warten. Neue Wellendichtringe, neue Lager, sogar ein neues Schaltkreuz und einen neuen Benzinschlauch hatte Richard mit auf die Reise gegeben. Der alte Benzinschlauch glich schon eher einem Benzinrohr, so hart war er über die Jahre geworden.

Und dieses Mal klappt alles reibungslos. Wenige Minuten nach Ankunft, holt mich bereits Axel ab. Den Motor habe er bereits gereinigt, bereit alles wieder zusammenzubauen. Endlich hat diese ganze Scheiße ein Ende kann ich mir zumindest in Gedanken nicht verkneifen.

Und als wir uns an den Zusammenbau machen, fällt mir die Tage zuvor von Axel für gut befundene Kupplung in die Hände. Ich stutze als ich das Teil in meinen Händen hin und her drehe. Fehlen da nicht die Zähne an den Belägen? Ich will nicht laut fragen um mich nicht lächerlich zu machen und krame zur Sicherheit die neuen Beläge, die ich seit Kolumbien spazieren fahre, aus dem Beutel mit meinen Ersatzteilen. Ach du Scheiße entfährt es mir, als ich dann das Ausmaß begreife. Schlagartig ist mir auch die Herkunft der Späne klar. Lediglich an einem Belag sind die Zähne noch vorhanden, einer ist komplett und der dritte bereits zur Hälfte abgeschert.

Wir setzen also den Tausch der Beläge ebenfalls auf die Liste der Arbeiten und machen uns ans Werk. Den Kupplungskorb, der ebenfalls einen kleinen Riss abbekommen hat, verwenden wir mangels Alternativen wieder. Ich notiere mir diesen aber für die nächste Teilebestellung. Sicher ist sicher.

Entgegen erster Annahmen vergehen volle zwei Tage und wir können die Arbeit nicht beenden, da Axel zwischendurch auch immer wieder anderen Tätigkeiten nachzugehen hat. Immer wieder ruht so der Service an Bertl und ich spiele etwas mit Axels vier Hunden. Letztlich ist mir die Zeit, nun wo wir das Problem endlich beheben, auch völlig scheißegal. Ich fahre das ganze seit Wochen spazieren. Was bedeutet da ein Tag mehr oder weniger beim Zusammenbau?

Immerhin sind am Ende von Tag 2 ein (wieder mal) gereinigter Vergaser, ein neuer Kolben und ein Motor mit neuen Lagern und Simmerringen bereits schon wieder verbaut. Dazu sind überall neue Dichtungen angebracht und alles fein säuberlich vor dem Zusammenbau entfettet und gesäubert.

So beschränken sich die Tätigkeiten für Tag 3 noch auf das Einhängen der Züge, das Erneuern des hinteren Bremszuges, das mühsame Anbringen des Auspuffs sowie des Rades und schließlich die Feinjustierung des Vergasers.

Sogar eine Senkkopfschraube zur Befestigung der Vergaserwanne am Motor, die die letzten 13 Jahre nicht an Bertl verbaut war und die ich seit längerem versucht hatte zu besorgen, flext mir Axel zurecht. Weiterhin voller Euphorie und Energie packe ich also meine Sachen, als Bertl zusammengebaut ist und anspringt. Der aus meiner Sicht viele Qualm, der aus ihrem Auspuff kommt, hängt laut Axel mit dem MoS2 Öladditiv zusammen, dass ich auf Richards Anraten in mein Gemisch gekippt hatte um den Kolben geschmeidiger laufen zu lassen.

Der erste Dämpfer für die Begeisterung über mein „neues“ Moped lässt dann aber nicht lange auf sich warten. Schon auf dem nur fünf Kilometer langen Weg zurück in die Zivilisation geht Bertl ohne ersichtlichen Grund bei gezogener Kupplung und Bergabfahrt aus und springt auch nicht mehr an. Erste Zweifel an der tatsächlichen Behebung des Fehlers kommen in mir auf.

Axel aber ist sich sicher, dass eine kaputte Zündkerze ursächlich für diese Misere ist und sollte recht behalten, als Bertl mit einer anderen Kerze sofort wieder anspringt. Die Reise geht also weiter in die Stadt, wo wir zunächst Bertls Reifen aufblasen und dann wieder mit Startproblemen konfrontiert sind. Wieder soll es die Kerze sein, meint Axel. Wieder sollte er recht behalten. Denn als wir per Auto vom Zündkerzenkauf zurückkehren und die neue Errungenschaft in Bertls Zylinderkopf drehen, springt sie zunächst sofort wieder an und dann später auch nach einigen weiteren Stops bei diversen Kumpels von Axel, denen er mich noch vorstellen möchte.

Gegen Nachmittag sollte dann aber meine Reise endlich weitergehen. Zum Eingewöhnen mit einer kurzen Etappe ins nur etwa 80 Kilometer entfernte Temuco. Und während ich unter anderem wegen des neuen Kolbens so vor mich hingurke, reflektiere ich alles noch einmal.

Eine lose Kupplungsmutter hatte also vermeintlich das alles ins Rollen gebracht. Eine Mutter, die ich höchstpersönlich offensichtlich beim Wechsel der Kupplungsbeläge vor dem Aufbruch zur Reise nicht gescheit angezogen hatte. Nicht schuld an allen, aber ganz sicher am Letzten der Klemmer. Stand jetzt. Ärgerlich, aber immerhin nun aus der Welt geschafft, lautet mein Fazit.

Obwohl das nun laut Axel nicht mehr nötig wäre, teile ich die Tour in drei Abschnitte und mache folgerichtig alle 25 bis 30 km eine Pause. Im Allgemeinen fühlt sich Bertl beim Fahren nicht viel anders an als zuvor, worüber ich mir aber nicht den Kopf zerbreche. Die gefundenen Fehler müssen ja auch davor schon nicht wirklich das Fahrverhalten beeinflusst haben. Etwas enttäuschend ist, dass das Rasseln, das ich vor Tausenden Kilometern noch auf den Kolbenkipper und Axel auf die lockere Kupplungsmutter geschoben hatte, wohl beides nicht war und immer noch vorhanden ist. Ich nehme mir vor, das in Temuco unter die Lupe zu nehmen, mache für heute aber erst Mal Schluss, als ich relativ spät abends im bereits vorher reservierten Hostel in Temuco ankomme.

Endlich geht es also weiter. Endlich wieder unbeschwert fahren ohne ständig den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, dass der Hobel bald wieder klemmen könnte. So glücklich wie an diesem Abend bin ich in der jüngeren Vergangenheit wohl eher selten eingeschlafen.