Tage 225, 226, 227 und 228: Wir stehen wieder

Ergänzend zum vorangegangenen Artikel sei noch erwähnt, dass meine treue Lieblingshose nach über 18.000 km nach dieser Aufnahme in Axels Feuergrube gelandet ist.

Ein Abschied der schwer fiel. Aber eventuell ist dieser Tag mit neu zusammengewerkelter Bertl ja auch ein guter Tag um mich selbst unten rum neu auszustatten.

Temuco gefällt mir gleich ganz gut. Es ist warm, kein Wind, dazu eine Großstadt mit der Möglichkeit zur Besorgung von allem was ich brauche und mein Privatzimmer kostet einen schmalen chilenischen Taler. Ich entledige mich also meiner Dreckwäsche und beschließe ein paar Tage hier zu bleiben. Die ersten beiden derer klebe ich wieder jeweils über zehn Stunden am Bildschirm im Internetcafe. Erst an Tag 3 in Temuco mache ich mich daran mich um Bertls Klappern zu kümmern.

Die Lokalisierung des Geräusches fällt schwer, da nach den diversen Stürzen und Umfallern auch beide Seitenhauben schwer klappern und lärmen. Trotzdem lokalisiere ich ein Geräusch, von der Kaskade kommend. Tatsächlich scheint diese aufgrund von ausgenudelten Blechmuttern nicht mehr allzu fest befestigt zu sein. Ich benötige fast den ganzen Nachmittag dazu im Zentrum Temucos endlich Blechmuttern und die Plastikdübel zu finden, die für die Befestigung der Kaskade verwendet werden und bin nach all der Lauferei zu erschöpft, mich dieser Arbeit auch noch am selben Tag zu widmen.

Und am nächsten Morgen stellen sich dann leider die gekauften Muttern als ungeeignet heraus, weshalb ich nach einer Stunde aufgebe und beschließe ohne Kaskade zu fahren. Immerhin ließe sich so auch eindeutig bestätigen, dass das Geräusch wirklich von der Kaskade käme.

Weitere geschlagene zwei Stunden später, habe ich es dann auch noch geschafft endlich wieder mal vollsynthetisches Zweitaktöl zu besorgen. Ein weiterer Punkt auf der Liste. Ab sofort nur noch das Beste für meine Möhre. 52 Euro für zwei Liter Öl. Teuer. Mir aber jeden Heller wert.

Los Ángeles, immer noch Bio Bio und nicht Kalifornien, lautet wieder einmal, wie schon einmal vor Wochen, das Ziel, als ich am Nachmittag gegen 15 Uhr die Triebwerke an Bertl antrete. Mit der Kaskade auf dem Gepäckstapel und ohne die aussortieren, laut Axel alle kaputten alten Zündkerzen. Die späte Stunde sollte mit einer funktionierenden Reuse kein Problem darstellen.

An einem heißen Tag rolle ich also los und mache nach 30 km Rast an der Autobahnraststätte, an der ich auch vor wenigen Tagen am Tag des letzten Klemmers gehalten hatte. Für den heutigen Tag hatte ich mir vorgenommen mit der Feinabstimmung des Vergasers zu beginnen. Also bei jeder Pause die Zündkerze zu checken und gegebenenfalls darauf zu reagieren.

Gleich das erste solche Zündkerzenbild erschüttert mich dann aber wieder bis ins Mark. Es ist schneeweiß. Dazu ist Bertl unfassbar heiß. Alles wie gehabt. Nichts scheint verändert. Das kann doch unmöglich sein, denke ich.

So weiterzufahren kann nur wieder eines mit sich bringen: Mehr Klemmer und irgendwann sicherlich auch größere Schäden am Motor. Ich trete gegen meinen Rucksack, schlage mit der Faust darauf ein, schreie Dinge, die ich mich hier ob des Niveaus erstmalig nicht traue wiederzugeben, ehe ich mich an den Straßenrand setze, Kopf in die Hände gestützt und resignierend ins Leere blicke.

War es das also nun? Nach der zuletzt aufgestellten Logik, nach der Bertl unheilbar krank ist, sofern Axel das Problem nicht beheben kann, eigentlich schon. Denn wenn er nicht mehr entdecken konnte, wie soll ich mit meinen mehr als limitierten Fähigkeiten denn dem offenbar nach wie vor bestehenden Problem auf die Schliche kommen?

Ich warte noch etwas ab, lasse den Motor abkühlen und wieder mit viel Wechselgas, vielen Pausen, sowie mit den Ohren am Motor erreiche ich nach heute nur 65 km, aber zumindest ohne weiteren Klemmer die Stadt Victoria, fünf Kilometer entfernt vom Rehaklinik-Campingplatz, wo ich den letzten Klemmer „repariert“ hatte. Ich suche das erstbeste Hotel, stelle Bertl ab, lege mich ins Bett und starre an die Decke. Abwechselnd werde ich todtraurig, dann unglaublich wütend. Dann durchströmt mich Motivation bis in die Fingerspitzen, ehe mich die harte Wahrheit wieder auf den Boden zurück holt.

Ich bin in einer Sackgasse. Ich will nicht, dass diese Reise endet. Ich will sie aber auch nicht auf einem anderen Moped oder gar per Bus „zu Ende bringen“. Ich kann aber ebenso wenig Bertl reparieren. Ergo, ist die Reise vorbei. Ich will aber nicht, dass die Reise endet…

Ich drehe mich im Kreis. Und ich mache entsprechend auch kaum ein Auge zu in dieser Nacht. Und wenn, dann träume ich von Bertl und wie ich sie nicht reparieren kann.

Ich bin völlig schlapp. Geistig wie körperlich. Es trifft mich dieses Mal umso schlimmer, weil ich mich bereits schon wieder auf einer funktionierenden Maschine gewähnt hatte. Die letzten Wochen, hatte ich nichts anderes gemacht, als mich im Schneckentempo fortbewegt, von einer Panne zur nächsten. Jeden Tag aufs Neue rückblickend dumm und naiv voller Hoffnung losgefahren. Jeden Tag wieder am Straßenrand geschwitzt und gelitten und irgendwelche Symptome bekämpft.

Ohne auch nur irgendetwas spannendes erlebt zu haben, habe ich über Wochen (nicht gerade wenig) Geld ausgegeben für Werkzeuge, Teile, Übernachtungen, Essen. Aber das sollte doch nun alles vorbei sein. Mit einer reparierten Karre sollte endlich wieder der Spaß zurückkehren. Und dann das. So auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden, das wirft mich aus der Bahn. Und ich muss wohl langsam aber sicher das Unausweichlichen akzeptieren.

Dass es früher zu Ende geht, als es mir lieb ist.