Tage 229 und 230: Zylinderschaden. Beim Piloten.

Viel geschlafen habe ich nicht als ich am nächsten Morgen aus meiner Koje steige. Und doch bin ich voller Tatendrang. So geht das hier nicht zu Ende, verdammte Scheiße. Dafür bin ich nicht hierhergekommen. Und so ziehe ich nicht ab.

Wenn der Bock nicht läuft wie er soll, sitzt offenbar irgendwas nicht wie es soll. Wie schwer kann es schon sein, herauszufinden wo es hakt und es zu beheben? Sehr schwer. Das ist die rational richtige Antwort auf die vorangegangene Frage. Interessiert mich aber heute nicht.

Eine erste Spur kann ich gleich wieder dank Richard verfolgen, der mich darauf hinweist, dass Axel die Zündung völlig verkehrt eingestellt hat, sowie die von ihm für mich gekauften Zündkerzen komplett falsch sind.

Die Zündung hatte mir Axel wie auf folgendem Bild eingestellt.

Die Funktionsweise der Zündung zu erklären, würde hier nicht nur den Rahmen sprengen, sondern ist mir auch selbst etwas zu hoch. Soviel ist aber klar. „A“ bedeutet einen Zündzeitpunkt von 23° vor dem oberen Totpunkt des Kolbens. „IT“ bedeuten 18° v. o. T.. Im Vespaforum wurde mir vor längerer Zeit einmal erklärt, dass man von Frühzündung spricht, je höher man geht, was bedeutet, dass der Zündfunke das Gemisch entzündet, wenn sich der Kolben noch in der Aufwärtsbewegung befindet. Das bringt minimalste Vorteile in der Beschleunigung, erhitzt den Motor aber stärker. Umgekehrt bringt ein tieferer Wert Leistungseinbußen in den höheren Drehzahlen, aber dafür ein motorschonenderes Fahren.

Wieso Axel mir also die Zündung so eingestellt hat, dass ich damit an einem Viertelmeilenrennen teilnehmen könnte, bleibt sein Geheimnis.

Ebenso wieso er mir eine Champion L87YC Zündkerze eingebaut und mich noch drei weitere derselben Gattung hat kaufen lassen. Richard gibt mir nämlich heute die Info durch, dass das Y im Code für eine sogenannte vorgezogene Funkenlage steht. Das bedeutet, dass die Zündkerze allgemein weiter in den Brennraum hineinreicht und sorgt laut Richard alleine für 70 Grad mehr im Brennraum. Unabhängig davon ist dazu noch der Wärmewert der Kerze zwei Nummern zu warm. In Verbindung mit der sowieso schon hohen Außentemperatur könnte all das meine Überhitzungsprobleme erklären.

Zum Vergleich hier die aktuelle und die eigentlich benötigte Kerze nebeneinander.

Unabhängig davon bittet mich Richard außerdem den Zylinderkopf auf Planheit zu prüfen und eine der beiden Dichtungen wieder zu entfernen, die Axel verbaut hatte.

Alles in allem genügend Anhaltspunkte um wieder Hoffnung zu schöpfen. Allerdings fahre ich gleich schon wieder aus der Haut, als gleich bei der Umsetzung er ersten Änderung – der Anpassung des Zündzeitpunktes – der Kreuzschlitz einer der Schrauben kaputt geht, die die Zündgrundplatte hält. Es kann verf***t nochmal auch nichts einfach mal funktionieren schreie ich und trete meinen Wasserkanister durch die Hotelauffahrt. Mit einer vom Hotelbesitzer geliehenen Gripzange versuche ich die Schraube herauszudrehen. Ohne Erfolg. Ebenso scheitert der Versuch einen breiten Schlitz in den Schraubenkopf zu feilen daran, dass meine Feile viel zu grob ist und an der Zugänglichkeit.

Ich laufe also zum ersten Mal am heutigen Tag die 1,5 Kilometer in die Stadt in die Ferreteria in der ich vor Wochen bereits mein Ätznatron gekauft hatte und wenig später mit je einem vernünftigen Kreuzschlitz- und Schlitzschraubenzieher, einer eigenen besseren Gripzange, einer Dose WD40 bzw. RS-20, sowie einem kleinen Sägeblatt auch wieder 1,5 km zurück.

Zündkerzen der richtigen Gattung konnte ich bei diesem ersten Ausflug leider noch keine ergattern.

Zurück bei Bertl neble ich die Schraube mit mächtig WD40 ein und versuche mit dem abgebrochenen Sägeblatt einen feineren Schlitz zu sägen. Keine Chance. Zu wenig Platz bietet der Bauraum. Ich setze den Kreuzschlitzschraubenzieher in den Schraubenkopf und gebe ihm mit der Ratsche als Hammerersatz einige Schläge auf die Zwölf. Dadurch zerstört es eine der Unterlegscheiben unter der Schraube und durch weitere gezielte Schläge auf genau diese mit dem Schlitzschraubenzieher fällt die Scheibe heraus und die Schraube verliert soweit ihre Spannung, dass ich sie mit der Gripzange herausdrehen kann.

Dann mache ich mich ein zweites Mal auf den Marsch zur Ferreteria. Schrauben kaufen. Wieso ich das nicht gleich beim ersten Gang erledigt hab? Weil ich ein Idiot bin.

Ich verdrehe danach also die Zündung indem ich sie weiter in Richtung „IT“ drehe und befestige sie mit den neuen Schrauben.

Dann nehme ich den Zylinderkopf ab und stelle tatsächlich eine Unplanheit, hauptsächlich durch Dreck und Ruß fest, als ich den Kopf auf meinem Glasnachttisch im Zimmer leicht kippeln kann. Also zum dritten Mal in die Ferreteria. 400er und 600er Nassschleifpapier stehen dieses Mal auf dem Einkaufszettel.

Dieses breite ich zurück im Zimmer auf dem Nachttisch aus, benetze es gut mit Wasser, lasse es etwas einwirken und drehe dann den Zylinderkopf mit der Dichtfläche nach unten darauf im Kreis. Zuerst mit dem 400er, dann mit dem feineren 600er Schleifpapier bis nichts mehr kippelt und die Dichtfläche schon sauber ist.

Wo ich nun gerade einmal an der Arbeit bin, will ich keine halben Sachen machen und beschließe dasselbe auch noch mit dem Zylinder zu wiederholen. Also wieder wie üblich alles abnehmen und Zylinder ziehen. Dabei sticht mir ins Auge, dass sich die Schrauben am Kupplungsdeckel gelöst zu haben scheinen und sogar ein Schraubenzieher hineinpasst. Kein Grund zur Freude bestätigen mir gleich mehrere Quellen. Dies ist nicht meine mögliche Falschluftquelle.

Bei genauerer Betrachtung stellt sich ein kaputter Sprengring als Übeltäter heraus, den es zu ersetzen gilt. Da ich außerdem beim Zylinder abziehen die Zylinderfußdichtung kaputt mache, laufe ich abends um kurz vor 19 Uhr ein viertes Mal in die Stadt um Dichtungspapier und Gasket Maker zu kaufen und nehme bei der Gelegenheit auch noch eine Flasche Verdünnung mit um den Vergaser über Nacht einzulegen.

Als ich dann zurückkomme, werfe ich alles in die Ecke, den komplett auseinander gebauten Vergaser und seine Kleinteile in die Verdünnung…

…und mich in Schale. Denn bei einer meiner Wandertouren in die Stadt habe ich das Plakat entdeckt, dass auf das Victoria Fiesta de Cerveza hinweist, das Victoria Bierfest.

Bier, Bratwurst, Live Rockmusik. Mir geht das Herz auf. In diesem Moment denke ich endlich mal nicht an meine Probleme mit Bertl. Und wenn, dann dank des Alkohols euphorisch und voller Zuversicht das Problem lösen zu können.

Nachdem ich noch vor Schließen der Veranstaltung um Mitternacht am Schießstand zwei Chilenen kennengelernt hatte und wir uns noch ein letztes Cerveza gegönnt hatten, sind meine nächsten Erinnerungen ein verlorenes Handy, das ich zum Glück per Ortung wiederfinden konnte und mein rauschbedingtes Scheitern morgens um 6 Uhr das Schiebetor zum Hotel zu öffnen und daher zu wie eine Handbremse den Hotelbesitzer geweckt zu haben. Dazwischen? Kompletter Filmriss. Möglicherweise sollte man nach wochenlangen Abstinenz nicht literweise 6,8% starkes Bier kübeln. Möglicherweise aber nur.

Nachvollziehbarerweise habe ich an diesem nächsten Tag dann andere Sorgen als einen unplanen Zylinder. Genau genommen meinen eigenen Zylinder. Der tut nämlich heftigst weh. Auch nach zwei Tabletten dagegen. Erst gegen Mittag bin ich in der Lage aus meinem Bett aufzustehen ohne dabei zusammenzubrechen. Dieses Formhoch nutze ich für einen Gang in den Supermarkt und decke mich mit ein paar Lebensmitteln für den heutigen Tag ein. Dann geht es zurück unter die Decke. Zitternd, leidend und einfach nur hoffend, dass dieser Tag bald vorbei geht. Bertl wieder seetauglich machen? Vertagt auf morgen.