Tage 231 und 232: Die Suche geht weiter

Ein bisschen unangenehm ist es mir so über meine „Probleme“ zu schreiben, während in Deutschland und ganz Europa die Kacke dank des Virus gerade so richtig zu dampfen beginnt. Ich habe darüber nachgedacht, das Ganze einfach mal eine Weile auszusetzen. Andererseits wird gerade schon genug ausgesetzt und abgesagt. Warum also nicht hiermit genau so weitermachen wie bisher? Ein bisschen Normalität in Zeiten der Abnormalität.

Haltet die Ohren steif in der Heimat. Kümmert euch um die, die sich nicht ausreichend um sich selbst kümmern können. Und hört verflucht nochmal auf damit, euch noch darüber aufzuregen, dass Fußball abgesagt wird. Es ist zum Schutz derer, die besonders anfällig sind. Das nennt sich Solidarität und ist wohl nicht zu viel verlangt.

Weil ich mehrfach gefragt wurde, wie sich die Situation hier darstellt, ein paar kurze Sätze dazu.

Wie es sich bei einer weltweiten Pandemie gehört, gibt es auch hier bereits einige bestätigte Fälle. 33 an der Zahl. Panik macht sich noch keine breit. Ich habe noch niemanden mit einem Mundschutz sehen können. Die Supermärkte sind weiter voll. Mit Lebensmitteln und, für Deutsche offenbar besonders wichtig, Scheißhauspapier.

Allerdings scheint man hier auch aus den Entwicklungen in Europa die Lehren zu ziehen. Großveranstaltungen werden abgesagt, es gibt Einreiseverbote aus betroffenen Ländern.

Für mich persönlich stellt sich die Frage wo ich demnächst „gefangen“ sein möchte. Denn eine Schließung der Grenzen scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Ich überlege in alle Richtungen. Bertl vorerst in Chile zurückzulassen und per Flugzeug an einen günstigeren, heißeren Ort wie Kolumbiens Norden zu gelangen, ist ebenso eine Option wie auszuharren und im dümmsten Fall dann eben in Chile festzustecken. Letzteres ist am wahrscheinlichsten, da ich wohl einfach wieder viel zu lange warten werde damit, eine Entscheidung zu treffen.

Nochmals meine ernsthaften besten Wünsche in die Heimat. Nicht unterkriegen lassen. Und nun zurück zu meiner Patientin.

Es läuft besser. Zwar hängt mir in meinem Alter ein solcher Qualitätsrausch auch an Tag 2 danach noch nach, aber eben weniger.

So mache ich mich daran während einer Folge der neuen Staffel Better Call Saul auch den Zylinder auf meinem Nachttisch plan zu kreisen und eine Dichtung für den Zylinderfuß zu basteln.

Dann wird der Vergaser aus dem Verdünnungsbad geholt, wieder zusammengebaut und im Anschluss auch alles an Bertl wieder langsam, bedacht und mit dem korrekten Drehmoment wieder zsammengebaut. Sogar Erzfeind Nummer 2 in meinem Leben, der Auspuff, lässt sich nach weniger Fluchen anschrauben. Alles eine Frage der Übung.

All der Erfolg bringt aber genau gar nichts, wenn der Hobel danach nicht besser läuft. Und als hätte irgendwer noch dran geglaubt: Er tut es auch nicht.

Noch immer rußt es aus dem Auspuff, als würde Bertl sich um eine Rolle als rollende sixtinische Kapelle während der Papstwahl bewerben wollen und noch immer verfärbt sich die Zündkerze kein bisschen bei zwei Testfahrten auf der Autobahn mit verschiedenen Bedüsungen. Wieder ein Rückschlag.

Es bleibt die Hoffnung, dass es an der Zündkerze liegt. Denn eine passende konnte ich in der gesamten Stadt in acht Läden nicht entdecken, weshalb ich auch weiter mit der viel zu heißen Kerze unterwegs bin. Ein Strohhalm. Mehr nicht. Aber immerhin einer.

Ich bereite also Bertl soweit für eine frühe Abfahrt am nächsten Tag vor indem ich wieder die Strumpfhose über dem Faltenbalg anbringe und den Tank voll mache. Dann geht es für mich in die Koje, wieder mal voller Hoffnung, dass morgen alles besser wird.

Mit viel Wechselgas und immer im Bereich von 45 bis 60 kmh geht am nächsten Morgen zu bester Knoppers-Zeit um halb zehn die Reise los. Es ist noch schön kühl. Und das wirkt meinem Problem eines sich erhitzenden Zylinders natürlich bestens entgegen.

Alle 20 km mache ich sicherheitshalber eine Pause und lasse dabei den Zylinder abkühlen ohne aber zu viel Zeit zu verlieren, um nicht zu riskieren zu viel in der Mittagshitze fahren zu müssen.

Als absehbar ist, dass ich durchkommen könnte, buche ich 40 km vor meiner Destination ein Hostel und wechselgase mich noch gar in die Stadt, die ich das erste Mal vor 25 Tagen erreichen wollte. Los Ángeles. Region Bio Bio.

Ich werfe ab, laufe die 1,5 km zu Autoplanet und kaufe nicht eine, nicht zwei, auch nicht fünf, nein sieben Zündkerzen und bin damit wohl der einzige der aktuell Zündkerzen hamsterkauft. Aber nach all der vergeblichen Suche zuletzt muss man eine Quelle dann auch vollends ausschöpfen wenn man sie schon einmal findet.

Aufgrund der Hitze hier mache ich zur Schonung von Mensch und Maschine trotz riesiger Neugierde erst einmal eine Siesta, bevor ich gegen Abend Schlitzschraubenzieher, Zundkerzenschlüssel, eine alte Zahnbürste sowie etwas Bremsenreiniger in meinen Daypack werfe und damit losziehe.

Einen Kilometer bis zur Autobahn. Dort nochmal Kerze gegen eine nagelneue, blitzeblanke Kerze tauschen, auf freie Bahn warten, Bertl ankicken und los. Drei Kilometer, 65 bis 70 kmh, dann Kupplung ziehen, Motor sofort ausschalten, rechts an den Rand rollen, Zündkerze rausdrehen und laut und mit nach oben gereckten Armen und nach innen gedrehten Handflächen Scheiße schreien weil die Kerze trotz größtmöglicher Bedüsung fast noch weißer aussieht als vorher.

Wieder mit viel Vorsicht rette ich mich zurück zum Hotel. Nachdenken. Das ist was ich muss. Längst ist der Frust und der Ärger über das streikende Moped einer gigantischen Motivation zur Problemlösung gewichen. Zunächst weil Axel, mein letzter Mechaniker, gut aber doch nicht der absolute Guru war und er eben auch etwas übersehen haben könnte. Auch aber weil ich eben den Zeitdruck nicht mehr verspüre. Und wenn ich nun also einen Monat brauche den Fehler zu finden, dann brauche ich eben einen Monat. Ein Monat in dem ich immerhin wieder eine Menge über die Karre lernen werde.

Eines werde ich aber entgegen des Tenors in den letzten Berichten nicht tun. Die Reise wegen eines technischen Problems beenden. Der Drang eventuell doch noch einmal an die guten Zeiten anknüpfen zu können ist dafür einfach zu groß.

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