Tage 233, 234 und 235: Im Zeichen des Vergasers

Tatort: Weiterhin Los Ángeles. Die Fehlersuche geht weiter. Die Liste der Dinge, die NICHT mein Problem sind wird länger und länger. So muss es doch nur noch eine Frage der Zeit sein bis zum Durchbruch.

Auf der Liste der noch nicht eindeutig ausgeschlossenen Teile, steht noch der Vergaser. Grund zur Annahme, dass er das Problem sein könnte besteht. Zunächst einmal ist er alt und verzogen. Und eventuell auch verstopft. Der Alexander Gauland unter den Vergasern sozusagen.

Dazu passt das Fehlerbild ja auch nur auf zwei Ursachen: Kaputter Vergaser oder Falschluft.

Zum Ausschluss oder Entdecken einer möglichen Falschluft wäre ein erneutes Öffnen des Motors von Nöten. Richard versichert mir zu 100%, dass Axel hier gute Arbeit geleistet hat und das nicht die Ursache sein kann, weshalb wir uns im nächsten Schritt also auf den Vergaser festlegen.

Richard ist überzeugt dieser sei extrem hartnäckig verstopft. Ich, der ich diesen schon 4.983 Mal gereinigt hatte, glaube eher an einen vezogenen oder aus unbekannten Gründen unbrauchbaren Vergaser und versteife mich deshalb nicht weiter auf die Reinigung sondern investiere meine Zeit in die Suche nach hiesigen Vespisti, die mir ihren Vergaser für eine Proberunde ausleihen könnten.

Über Richard finde ich Carlos, wohnhaft in Los Ángeles, mit einer Vespa GS150, Baujahr 1960, in der Garage. Leider kein Modell, das mit demselben oder einem ähnlichen Vergaser wie dem meinen ausgestattet ist. Aber Carlos versichert mir per WhatsApp er sei gut vernetzt und hole mich gleich ab um einen brauchbaren Gaser aufzutreiben.

Und an einem Donnerstagmorgen, 11 Uhr, in seinem Kabeltechnikerdienstwagen fährt wenige Minuten später Carlos vor. Anstelle aber wie erhofft einen Vergaser zu suchen, fährt mich Carlos wieder einmal zu einem Mechaniker, der in seinem Leben noch keine Vespa gesehen hat und ich muss wieder sämtliche Fragen erneut beantworten. Nein, es ist nicht der Zylinder, nein, es ist nicht das Lüfterrad, ja, die Kerze ist neu…

Ich mache gute Miene und lasse mich dann nach erfolglosen Anrufen bei einigen chilenischen Vespahändlern von Carlos wieder zurückbringen. Mit dem Versprechen, mich in einer Stunde wieder abzuholen um seine Vespa anzusehen, fährt er von dannen. Es vergehen vier Stunden, aber er kommt zurück.

Wir fahren die 20 km raus aus der Stadt zu einem Anwesen, in dem zwar niemand wohnt, wo aber Carlos seine Vespa aus einer Scheune hervorzaubert.

Nach einer kurzen Proberunde stellt sich heraus, dass seine Vespa wohl doch keine GS150 ist. Denn der Vergaser ist ein DellOrto SI20.17 und damit ein anderer als in der Theorie da sein sollte. Umso besser. Denn der 20.17 passt auf meine Bertl. Wir schrauben Carlos‘ Vergaser ab und fahren zurück in die Stadt. Carlos am Steuer mit links. In der rechten Hand eine Dose Bier.

Am nächsten Morgen reinige ich peinlichst genau den verdreckten 20.17, bastle eine neue Dichtung Vergaser/Vergaserwanne und stelle dann fest, dass der 20.17 nicht in meine Wanne des 20.20 passt. Typisch. Aber natürlich selbstverschuldet.

No hay problema meint Carlos. Ich hol dich um halb zwölf und wir holen die Wanne. Wenig später erreicht mich eine Nachricht, dass er sich verspätet. Es wird 13 Uhr, schreibt er. Um 14:30 Uhr die nächste Nachricht: Ich hole dich jetzt. 15:30 Uhr: Die tatsächliche Abholung. Ein Wirrwarr. Aber nachvollziehbar. Der Mann ist berufstätig.

Und nur eine Stunde später stehen wir gemeinsam wieder vor Bertl mit eingebautem 20.17. Bertl springt an, dreht auch hoch beim Gas geben, pendelt sich aber nicht mehr auf Standgas ein. Wir drehen alibimäßig etwas an Leerlaufgemischschraube und Standgasschraube herum, bekommen Bertl aber nicht ruhig eingestellt. Da Richard am heutigen Morgen aus Santiago bereits einen größeren SI24.24 Vergaser auf die Reise gegeben hat, der am nächsten Mittag bereits ankommen sollte, alles kein Problem. Wir demontieren wieder alles und brechen das Experiment 20.17 ab.

Ich treffe mich an diesem Abend noch mit Pablo, einem Motorradreisenden von hier, den ich in Cali, Kolumbien, kennengelernt hatte, auf zwei Bier und schlafe dann voller Vorfreude ein.

Vorfreude auf das was der nächste Tag bereithält. Denn bereits gegen 12 Uhr an diesem halte ich das Paket von Richard in der Hand. Darin, ein 300 km alter SI24.24 Vergaser. Auch diesen mache ich vor dem Einbau erst gründlich mit der dritten Flasche Vergaserreiniger sauber und folge dann dem Prozedere der letzten Probefahrt.

Einen Kilometer bis zur Autobahn. Dort nochmal Kerze gegen eine nagelneue, blitzeblanke Kerze tauschen, auf freie Bahn warten, Bertl ankicken und los. Drei Kilometer, 65 bis 70 kmh, dann Kupplung ziehen, Motor sofort ausschalten, rechts an den Rand rollen, Zündkerze rausdrehen und laut und mit nach oben gereckten Armen und nach innen gedrehten Handflächen Scheiße schreien weil die Kerze trotz neuen Vergasers fast noch weißer aussieht als vorher.

Richard erkennt darin einen leichten Grauton und sieht uns auf dem richtigen Pfad. Seiner Meinung nach könnten noch Ablagerungen von verbranntem Öl am Auslass des Zylinders verantwortlich sein dafür, dass die Kerze zu hell bleibt und der Zylinder so heiß wird. Ich glaube da nur kurz dran. So unglaublich viel er mir die letzten Wochen durch Ratschläge und Teile geholfen hatte. Ich komme jetzt zu dem Entschluss, dass es nun besser ist mich auf den Ratschlag eines anderen zu verlassen. Florian kenne ich nicht persönlich, aber über das Vespaforum. Und seit er mir vor ein paar Wochen in Calafate mal die Funktionsweise des Getriebes per WhatsApp erklärt hatte, steht er mir auch bei mechanischen Fragen zur Seite.

Sein Ratschlag: Motor nochmals öffnen.

Die beste Idee seit Langem.

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