Tage 236 bis 246: Sally zamme Apokalypse

Es ist mal wieder Einheitsbrei. Ich habe den Überblick darüber verloren, wann ich was gemacht habe. Und eigentlich spielt das auch keine Rolle.

Bevor ich weiter unten zu meinem persönlichen Lothar-Wieler-RKI-Corona-Presse-Briefing komme, wird es zunächst nochmal (und endlich das letzte Mal) technisch. Die Entwicklungen an der Bertl-Front waren nämlich äußerst erfreulich:

Am Tag nach dem der Tausch des Vergasers ergebnislos blieb, öffne ich also den Motor von Bertl. Das ist in der Praxis etwas aufwendiger als es der Ausdruck „Motor öffnen“ widerspiegelt. Denn es geht einher mit der vorherigen Demontage von Auspuff, Hinterrad, Vergaser und Zylinder. Dann aber, nach einiger Zeit und einigem Hebeln liegt Bertls kleine Motorhälfte vor mir. Die schwere große Hälfte hänge ich mithilfe des Federbein- und des Traversenbolzens wieder an Bertl ein. Zur besseren Handhabung.

Dann geht es an die Untersuchung. Ich bin darauf bedacht keine „Beweismittel“ zu zerstören und sende Florian Bilder, speziell der Dichtflächen, zu. Sofort erkennt er was möglicherweise Ursache der Falschluft und damit der Hitzeentwicklung im Zylinder war. Das von Axel viel zu reichlich verwendete Silikon (übrigens herkömmliches Fliesensilikon) findet sich überall entlang der beiden Metallstöße, die bei ineinanderschieben Kurbelgehäuse und Getriebegehäuse dicht voneinander trennen sollte.

Wie ich verstehe, wurde dadurch vermutlich Gemisch aus dem Kurbelgehäuse in das Getriebegehäuse gedrückt und umgekehrt Falschluft aus dem Getriebegehäuse ins Kurbelgehäuse gesaugt.

Außerdem hatte Axel beim Motorzusammenbau mein Angebot meinen Drehmomentschlüssel zu nutzen lachend ausgeschlagen und dann die Muttern der Motorschrauben, die die beiden Hälften zusammenhalten, viel zu fest angezogen. Als ich diese nämlich gelöst hatte, waren nicht nur drei Gewinde der sieben Motorschrauben im Arsch. Auch zwei der vier in der großen Hälfte angebrachten Stehbolzen lösten sich mitsamt Mutter, weil das Gewinde kaputt war.

Die nächsten Tage sollte ich noch einige solche fatalen „Fehler“ Axels feststellen. Axel hatte mich sehr nett aufgenommen, bei sich wohnen lassen, verköstigt und sehr bemüht an meinem Motor gearbeitet. Gleichzeitig hat er aber eben auch viele Fehler gemacht und mich mit etlichen alten Problemen weitergeschickt und sogar neue geschaffen.

Es ist Samstagabend, als ich also gemeinsam mit Florian die Liste der zu beschaffenden Teile schreibe. Darauf Motordichtmasse, Verdünnung, Rasierklingen und eben auch neue M7 Schrauben, Bolzen und Muttern.

Das meiste davon kann ich dann tags darauf im auch Sonntag geöffneten Baumarkt besorgen. Nicht allzu überraschend muss ich aber für die, auch in Deutschland im Baumarkt nicht erhältlichen, M7 Schrauben am nächsten Tag in ein Spezialgeschäft. Ein verzweifelter Versuch mit einer scharfen Zange die beschädigten Gewinde zu reparieren, schlägt nämlich kolossal fehl.

Ich klappere einige Geschäfte ab, ehe ich kurz vor dem Aufgeben tatsächlich M7 Schrauben der richtigen Länge in der Hand halte.

Zurück in den Baumarkt um Metallsäge und Feile zu besorgen. In meiner eigenen kleinen inzwischen sehr gut ausgestatteten Werkstatt spanne ich die Schrauben in meine, ebenfalls erst kürzlich gekaufte, Gripzange ein, exekutiere zwei der Schrauben per Enthauptung und habe dadurch zwei perfekte neue Bolzen in exakt der richtigen Länge.

Mit etwas Loctite Schraubenkleber versenke ich diese in der großen Motorhälfte und widme mich dann den Motorschrauben. Diese haben original einen angesägten Schraubenkopf, der dafür sorgt, dass sich die Schraube beim Anziehen der Mutter nicht mitdreht. Und nach einigen weiteren Minuten der Feilenschwingerei sind auch diese so bearbeitet, dass sie zum Einsatz im Motor bereit sind.

Ich entferne mit Verdünnung und Cutter-Messer, in Ermangelung von Rasierklingen, die alte Dichtung und bin abends dann bereit am nächsten Tag an den Zusammenbau des Motors zu gehen. Leider. Denn irgendwie habe ich Bammel davor und schwere Zweifel das Teil im ersten Versuch wirklich dicht zusammenbauen zu können.

Trotzdem gehe ich es nach einem weiteren Telefonat mit Florian, in dem wir jeden Schritt in der Theorie besprechen, dann an.

Ich bestreiche beide Hälften meines Motors mit einer dünnen Schicht Loctite Kupfer-Nutella (weniger ist hier mehr)…

…schiebe die kleine Motorhälfte auf die Stehbolzen und klopfe die Motorhälfte mit leichten Hammerschlägen auf ein dazwischen gehaltenes Stück Holz auf. Als sich die ersten Muttern auf die Bolzen und Schrauben aufdrehen lassen, ziehe ich damit die kleine Hälfte an die Große heran. Auch wenn mir Florian mehrfach versichert nicht unter Zeitdruck zu stehen, zittern mir vor Nervosität doch etwas die Hände. Auch weil das Loctite Nutella schon leicht aushärtet, während ich noch immer nicht die Dichtflächen zusammengeführt habe.

Nach fast eineinhalb Stunden ist es aber geschafft. Die Hälften zusammen und alle zwölf Muttern mit dem korrekten Drehmoment angezogen. Was für eine Erleichterung. Leider aber bekomme ich vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alles zusammengesetzt und die Probefahrt muss bis zum nächsten Mittag warten.

Bertl springt da dann auf den ersten Kick an und qualmt gleich deutlich weniger als noch zuvor. Ein Indiz, dass die OP erfolgreich war. Denn möglicherweise stammte die Menge an Qualm zuvor von mitverbranntem Getriebeöl, das nun eben wegen der neuen Dichtung genau das nicht mehr tut. Also mitverbrennen.

Bei der Testfahrt zieht die Reuse dann unten raus auch gleich viel besser. Wie früher eigentlich. Bei höheren Geschwindigkeiten aber bleibt ein unsauberes Fahrgefühl. Der Sound ist hell und schwer zu beschreiben, aber für mich ein eindeutiger Prä-Klemmersound.

Besser also, aber noch nicht gut. Dazu springt Bertl kalt zwar stets auf den ersten Kick an, lässt sich aber, einmal warmgefahren, nur mühsam wieder starten.

Vor der nächsten Testfahrt nehme ich also in Abstimmung mit Florian drei Änderungen vor. Der 8 Zentimeter zu kurze, und deshalb eventuell unterwegs durch den Rahmen abknickende Benzinschlauch wird durch eine ausreichend lange Version ersetzt um die Spritzufuhr sicherzustellen. Dabei blase ich auch nochmal Benzinhahn und Tankentlüftung durch. Und um die Warmstartprobleme auszumerzen, tausche ich meine CDI und die etwas abgestumpfte Schwimmernadel im Vergaser gegen die noch sehr spitze aus Carlos‘ 20.17.

Wieder ziehe ich los zu einer Testfahrt. Ohne Erfolg. Bei konstanter Gashahnstellung und bei langsamem Anfahren sind sie zu hören: Zündaussetzer. Eindeutig.

Da der Tausch der CDI keinen Erfolg gebracht hatte und Kerze, Kabel und Stecker neu sind, bleibt nicht viel. Die Zündgrundplatte muss runter und auf den Untersuchungstisch. Und dort zeigt sich schnell eine mögliche Ursache. Zwar sind die Lötstellen alle in Ordnung. Die Isolierungen der alten Kabel aber lösen sich nur alleine vom Anschauen schon fast auf. Und an einigen Stellen haben sie das auch.

Und genau dort berühren sie vermutlich die Zündgrundplatte selbst und damit den Rahmen und damit Masse. Das sorgt für Zündaussetzer, eventuell einen falschen Zündzeitpunkt und damit ebenfalls eventuell Hitze im Zylinder.

Vor der Reise wollte ich diese Kabel erneuern, habe mich dann aus Angst vor der vermeintlich komplizierten Lötarbeit gedrückt und die Kabel hinter der zu lötenden Stelle abgezwickt und dort die neuen Kabel darangecrimpt. Oder wie man auch sagen kann: Pfusch. Nun, 19.000 km und etliche Arbeiten später habe ich sogar richtig Bock darauf die Arbeit selbst zu machen. Ich kaufe mir also auch noch einen Schülerlötkolben, Kabel, Flachstecker, Kabelschuhe und etwas Schrumpfschlauch und drei Stunden später sind alle sieben Kabel der Zündgrundplatte, zugegebenermaßen nicht sehr fachmännisch, neu eingelötet.

Ein erster kurzer Anschlusstest liefert aber einen Zündfunken, womit ich mich für heute erst einmal zufrieden gebe.

Am nächsten Tag, vor der 783. Probefahrt, habe ich ein gutes Gefühl. Das könnte es nun echt gewesen sein, denke ich. Ich drücke Bertl zuerst die eineinhalb Kilometer Richtung Autobahn. Mit der Power aus vergangenen Tagen, wie ich gleich bemerke. Und auf den drei Autobahnkilometern bin ich zunächst nur auf das Motorgeräusch fixiert und merke gar nicht, dass ich längst die 80 km/h gerissen habe. Nachdem ich zuvor schon gar nicht mehr über 65 beschleunigt hatte, aus Angst, das mir die Möhre um die Ohren fliegt und ein chilenischer Carabinero meinen Lauchkörper mit dem Cerankochfeldschaber vom Asphalt kratzen muss.

Aber heute ist alles anders. Kein Stottern, keine Geräusche und zum Ende der Fahrt eine fast schon zu dunkle Zündkerze.

Trotz eigentlich eher klein gewählter Bedüsung. Es scheint soweit zu sein. Nach Tausenden Pannenkilometern scheinen alle Probleme nach viel viel Lehrgeld behoben und ich habe endlich wieder ein funktionierendes Moped.

Das ich nun in der Garage anstarren kann, während draußen die Welt untergeht.

Denn da wäre ja noch was. Die Corona-Apokalypse hat auch längst Südamerika und eben auch Chile erreicht. Wie überall hat sich das auch hier langsam hochgeschaukelt. Bis zuletzt aber war zumindest das Zentrum weiter bumsvoll. Längst hatte Chile seine ersten hundert Fälle und war auf bestem Weg die südeuropäischen Infektionskurven nachzuzeichnen. Aber beispielsweise den auch hier über alle Kanäle propagierten Abstand einhalten? Fehlanzeige. Stattdessen erlebe ich mehrmals die Situation, dass sich in den von mir zum Vordermann an der Kasse eingehaltenen Sicherheitsabstand einfach eine andere Person unhöflich und dumm hineindrängt. Auf Hinweis, dass ich ebenfalls an dieser Kasse warte, zieht die betreffende Person mürrisch ab und stellt sich daraufhin gefühlt 3 Zentimeter hinter mich. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen muss dann aber wohl sein, dass der drängelnde Dummbatz seine Einkaufskarre voller Scheißhauspapier und Sagrotan hat. Der Ernst der Lage ist also bewusst, man bereitet sich auf das schlimmste vor. Seinen Teil dazu beitragen das ganze einzudämmen? Pfff, wo kommen wir denn dahin?

Es ist aber auch etwas schwieriger die Leute hier zum zu Hause bleiben zu überreden. Das kommt vor allem durch die deutlich chaotischeren Verhältnisse am Arbeitsmarkt. Viele Leute hier leben von der Hand in den Mund, arbeiten nicht in sozialversicherungspflichtigen Jobs. Eine Absicherung gibt es nicht. Ersparnisse, wenn denn überhaupt vorhanden, werden wohl kaum länger als eine Woche reichen. Was dann wohl auch der Grund ist, wieso hier bis zuletzt zumindest im Zentrum das Leben weiterging als wäre nichts geschehen.

Wie alle anderen Länder auch, hat auch Chile seine Grenzen dicht gemacht. Über eine Ausgangssperre wie es sie in Kolumbien und Argentinien schon gibt, wird aber immer noch nur diskutiert. Es gilt noch immer lediglich der freiwillige Appell zu Hause zu bleiben. Nur nachts zwischen 22 und 5 Uhr gilt strikte Ausgangssperre, deren Einhaltung vom chilenischen Militär notfalls auch mit Gewalt durchgesetzt wird. Ansonsten scheint in diesem Scheißhaufen von einem neoliberalen Wirtschaftssystem die Aufrechterhaltung der Wirtschaft wichtiger zu sein, als die Gesundheit der Menschen.

Die Zahlen der Fälle (etwa 650) und Todesopfer (2) sind noch gering, werden nun aber wohl zügig steigen. Zwar hat die chilenische Regierung ebenfalls bereits Milliardenhilfen in Aussicht gestellt. Wie viel davon aber bei jedem einzelnen Chilenen ankommt bleibt abzuwarten. Und ob sich dann aus der Angst, Wut und Frustration jedes Einzelnen heraus, gerade auch im Hinblick auf die sowieso noch schwelenden Proteste hier in Chile, nicht wieder die Gewalt in Form von Protesten entlädt, bleibt abzuwarten. Denkbar wäre es. Spätestens dann wäre es an der Zeit die Reißleine zu ziehen. Noch ist es das nicht. Aus vielerlei Gründen. Die Fragen dazu kamen öfter. Hier die Begründung:

Verlasse ich das Land nun einfach, dann muss ich spätestens bis zum 13. Mai zurückkehren wenn ich keine Strafzahlung für das Zurücklassen von Bertl aufgebrummt bekommen will. Maximal verlängern kann ich diese Frist bis zum 13. August. Es macht aber für mich wenig Sinn, nach Deutschland einzureisen und dann dort nichts machen zu können. Nichts machen kann ich auch hier. Bertl heimzusenden und die Tour endgültig zu beenden, kostet EUR 1250,-. Ein Batzen. Viel schwerer wiegt aber die Tatsache, dass ich nicht diese letzten drei von Pannen und Kampf gegen die Witterung geprägten Monate als letzte Erinnerung an diese Tour behalten will. Erst recht jetzt, wo die Reuse wieder läuft und ich bereit wäre, wieder positive Geschichten zu schreiben.

Die Rückholaktion der Bundesregierung betrifft, zumindest noch, nur eindeutige (Corona-)Krisengebiete und daher nicht Chile. Ebenfalls unklar was in einem solchen Fall mit meiner Bertl geschehen würde.

Da ich hier mit die beste Unterkunft gefunden habe, die es gibt, habe ich also beschlossen das hier auszusitzen und dann, Achtung Politikersprech, die Lage neu zu bewerten.

Señora Quenita, die Besitzerin bekocht mich mittags und abends, serviert morgens Frühstück und wäscht meine Wäsche. Für umgerechnet sechs Euro pro Tag. Der reguläre Preis der Unterkunft beträgt zum Vergleich EUR 22,- pro Nacht. Nur inklusive Frühstück. Aus reiner Nächstenliebe macht Señora Quenita das. Weil Señora Quenita eine sehr gottesfürchtige Frau ist. Dass mir Gott doch mal noch für etwas gut ist, hätte ich nicht gedacht, möchte ihr (Gott) dafür aber herzlich danken.

Ebenfalls mit im Haushalt lebt la tía, die Tante. Die 97 bis 102 Jahre alte (genau weiß man das tatsächlich nicht) kinderlose Tante von Señora Quenita. Körperlich erstaunlich fit, geistig dem Alter entsprechend nicht mehr ganz, aber sehr nett und zumeist unfreiwillig komisch, wenn sie mir wie gestern geschehen das Licht im Bad ausschaltet, während ich mich dusche oder mir wie heute mein Dessert klaut. Tisch decken und abspülen sind Hoheitsgebiet von la tía, was mir natürlich in die Karten spielt, da ich mich somit jeden Tag um diese Arbeiten drücken kann. Ich mache das wett indem ich den beiden körperlich schwer eingeschränkten Damen mit der Übernahme anderer Aufgaben helfe. Ich hacke Holz, ich silikoniere die Fenster, erledige Einkäufe oder beschäftige mich mit Trini und Muñeca, den zwei süßen Wauzis des Hauses.

Für die kommenden Tage bin ich hier also sehr gut aufgehoben und werde von hier aus gespannt die Lage in Deutschland und Chile beobachten. Ich kann sehr wohl einschätzen, dass meine Situation zu entscheiden wo ich die Krise aussitze, absoluter Luxus ist. Luxus für den ich gearbeitet habe, aber Luxus. Daher wünsche ich an dieser Stelle allen, die durch die Scheiße richtige, also medizinische, organisatorische oder wirtschaftliche Probleme haben, nur das Beste. Kopf hoch. Wenn ich auf dieser Tour eines gelernt habe, dann dass nach all der Scheiße immer wieder auch bessere Zeiten kommen.

Weitere Arbeiten an Bertl liegen zu diesem Zeitpunkt übrigens brach, da mir beim Eindrücken des Korkens in die Flasche Rotwein, die ich mir zur Feier der endgültigen Reparatur von Bertl gegönnt hatte, die Ratschenverlängerung samt 11er Nuss in den CO2-neutralen 2019er Cabernet Sauvignon gefallen ist.

1 Antwort zu “Tage 236 bis 246: Sally zamme Apokalypse”

  1. Hey Norman, heute mal ohne Spößle und dumme Sprüche.
    Ich wünsche dir für die kommenden Tage und Wochen alles Gute, und vor allem, bleib gesund.
    Ich hoffe das deine zwei „Omas“ so fit sind damit sie dich auch die ganze Zeit bekochen können, umgekehrt wäre es vermutlicher eher so semi.
    Also geh weiter Holz spalten und halt deinen Kopf unten, bis der Scheiß an uns vorbei gegangen ist.

    Gruß Thomas

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