Tage 247 bis 264: Corona-Sonder-Extra-Special (Chile-Edition)

Tatort weiter Los Ángeles. Und zum Tatort könnte es tatsächlich bald schon werden, wenn meine Vermieterin mich weiter durch die Gegend kommandiert, als wäre ich ihr persönlicher Sklave und nicht zahlender Gast. Da ich hier ja nun schon zwei Mal Holz spalten durfte/musste, bin ich bestens über den Aufbewahrungsort der Axt informiert. Das ist schlecht. Denn das Wissen darum, macht den Start einer Karriere als Axtmörder erstaunlich einfach. Warum ich überhaupt Mordgelüste verspüre?

Weil die Fassade bröckelt. Die Zeit der rosaroten Brille ist vorbei. Meine anfänglichen Angebote zur Hilfe bei Tätigkeiten, die die körperlich schwer eingeschränkte Hauswirtin nicht selbst erledigen kann, werden mir nun zum Verhängnis. Ich werde im Befehlston zu sämtlichen Arbeiten eingeteilt. Ob diese auch von ihr selbst erledigt werden könnten oder nicht, spielt dabei inzwischen keine Rolle mehr.

Dazu scheint ihr zwar einerseits der Ernst der Lage bewusst. So zumindest muss man denken, wenn sie beim Essen nur darüber redet, dass alle anderen Menschen Idioten sind, weil sie nicht in ihren Häusern bleiben. Gleichzeitig aber empfängt sie JEDEN Tag Besuch. Besuch, den sie dann mit Umarmung und Küsschen begrüßt und verabschiedet. Dazu wienert sie mit Hinweis auf das Virus das Scheißhaus drei Mal am Tag mit Chlorreiniger, sendet mich aber ebenfalls jeden Tag raus zum Einkaufen. Meist nur eines einzigen Gegenstandes, der ihr gerade in diesem Moment fehlt. Mit zunehmend Dampf auf dem Kessel plädiere ich daher seit Tagen für das Schreiben einer Einkaufsliste und das einmalige gezielte Einkaufen aller benötigten Waren. Bislang ohne Erfolg.

Nicht gerade zur Steigerung meiner Laune trägt dann bei, wenn ich losgeschickt werde „Tomaten für 1.000 Pesos, Butter und Spülmittel“ zu kaufen und mir für den gesamten Einkauf genau 1.000 Pesos in die Hand gedrückt werden. Die Rechnung kann nur schwerlich aufgehen. Als ich anfangs den Spottpreis von EUR 6,- pro Nacht angeboten bekam, hatte ich kein Problem damit die, zugegeben wenigen, Einkäufe selbst zu bezahlen. Sogar einen Sack Hundefutter für über EUR 20,- habe ich aus eigener Tasche gelöhnt. Inzwischen habe ich aber klargestellt, dass ich freiwillig fast EUR 10,- pro Nacht bezahle und auch bereits die erste Rate dazu beglichen. Im Gegenzug möchte ich keine weiteren Geschenke in Form von Lebensmittelspenden verteilen. Auch in dieser Hinsicht steht ein grosser Knall bevor, sollte sich das nicht bald bessern.

Mir bleibt dazu nahezu nie auch nur eine halbe Stunde Zeit zu lesen, Netflix zu schauen oder einfach mal nichts zu tun, da ich dann schon wieder per „Normaaaaaaaan, te pido un favor“ aus dem unteren Stock für vermeintlich wichtige Arbeiten eingespannt werde. Das schmeckt mir gerade absolut nicht.

Preisverdächtige Überleitung incoming: Im Gegensatz zum Wurstsalat, den ich mir aus einer Selbstisolierungslaune heraus aus etwas Mortadella, Edamer, Essiggurken und roten Zwiebeln zusammengeschustert und gekonnt mit einem Qualitäts-Export der Marke Oettinger serviert habe.

Es gibt wirklich keinen Ort der Welt, an dem man Oettinger nicht findet. Zweiflern möchte ich zurufen, dass ich die Gülle sogar 2016 in Nordkorea entdeckt habe…

Die Corona-Lage

Eine Ausgangssperre gab es lange Zeit nur in und um die Haupstadt Santiago de Chile, was gar dazu geführt hat, dass nun wilde Pumas in den verwaisten Straßen von Santiago streunen und sich ihren vormaligen Lebensraum zurückerobern. Die im chilenischen Fernsehen flackernde Aufnahme, wie ein solcher mal eben eine etwa 2,5 Meter hohe Mauer überspringt, kommentiert die beim Essen neben mir postierte 97 – 102-jährige Tante mit „wow, das Hündchen ist über die Mauer gesprungen„. Jepp tía, das Hündchen ist da mal eben drüber gesprungen…

Inzwischen wurde die totale Ausgangssperre auf weitere Städte, unter anderem jede einzelne größere Stadt um mich herum, ausgeweitet. Osorno, wo ich seinerzeit beinahe von einem nahezu ein Jahrhundert alten Hodensack erschlagen wurde. Temuco, wo ich noch vor ein paar Wochen nach der ersten vermeintlich erfolgreichen Bertl-Reparatur wieder im Aufwind war. Oder auch Punta Arenas ganz im Süden Chiles, wo ich Wochen davor war, als das Corona-Virus noch nur Chinesen umgebracht und daher in Europa und dem Rest der ersten Welt niemanden interessiert hat.

Nun aber haben wir ja überall Corona und wie in vielen anderen gut entwickelten Teilen der Welt befinde auch ich mich in der komfortablen Situation einfach zu Hause bleiben zu können und mich nicht mit fünf anderen Menschen auf 13 Quadratmetern ohne Scheißhaus, fließendes Wasser und mit Essen für maximal zwei Tage übereinander stapeln zu müssen, wie das in Teilen Brasiliens, Indiens, Afrikas oder unzähligen anderen Entwicklungs- und Dritte-Welt-Ländern der Fall ist. Denkt nächstes Mal daran, wenn ihr euch in eurer 80-Quadratmeter-Wohnung darüber beschwert, dass ihr euch nicht entscheiden könnt, welche Netflix-Serie ihr als nächstes binge-watched während eure Vorratskammern vor lauter Kackpappe aus allen Nähten platzen.

Ich kann alles noch einigermaßen entspannt betrachten. Das chilenische Gesundheitssystem bzw. die medizinische Infrastruktur ist vermutlich eine der besten, wenn nicht gar die Beste in Südamerika, wenn auch nicht der Welt, wir der chilenische Gesundheitsminister gerne behauptet. Dieser hatte seine Untauglichkeit aber schon vor längerem unter Beweis gestellt, als er vor laufenden Kameras darüber schwadronierte, dass das Virus eventuell noch mutiere und sich in eine gute Person verwandele. Ladies und Gentlemen, das Problem wenn man anzugtragende BWLer wie mich in Positionen steckt, in die Wissenschaftler gehören.

Dazu nutzt die chilenische Regierung diese Krise wohl als ihre Chance die vor Corona über eine Verfassungsänderung entbrannten Proteste mit dem dicken Blasebalg wieder anzufachen. Anders sind die schwachsinnigen Entscheidungen nicht zu erklären.

Während in vielen anderen Ländern die Zustimmungswerte, selbst schwacher Regierungen, durch ihr Krisenmanagement steigen, versagt die chilenische Regierung auf ganzer Linie. Aber was war im neoliberalen feuchten Traum von Christian Lindner auch anderes zu erwarten. Die getroffenen Maßnahmen helfen nicht Arbeitnehmern, sondern Arbeitgebern. Unter anderem umfasst das „Hilfs“-paket:

  • Das Recht Arbeitnehmer fristlos zu entlassen
  • Das Recht die Zahlung des Lohnes auszusetzen, wenn ein Arbeitnehmer aufgrund Krankheit nicht zur Arbeit erscheinen kann

Zwar soll als Ersatz für den ausfallenden Lohn die Arbeitslosenversicherung und ein Kurzarbeitergeld einspringen. Das gilt aber nur für sogenannte formell Beschäftigte. Wer also vor der Krise zum Beispiel durch Straßenverkäufe aller Art von der Hand in den Mund gelebt hatte und keiner sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachging (immerhin 30% und damit über 5 Millionen Chilenen), der muss ab jetzt wählen zwischen vorbildlich zu Hause bleiben und verhungern oder auch in dieser gesundheitsgefährdenden Situation weiter rausgehen und seine Waren feil bieten. Denn die etwa EUR 50,- Soforthilfe, die der Staat ihnen zur Verfügung stellt, reichen den meisten wohl nicht einmal für zwei Wochen Miete. Wer sich für die Lage in Chile interessiert, dem lege ich diesen sehr guten aktuellen deutschsprachigen Artikel ans Herz.

Mit, Stand 08.04.2020, 5.972 bestätigten Fällen und 57 Toten im Zusammenhang mit Covid-19 sehen die Zahlen (noch) ganz akzeptabel aus. Das liegt vielleicht auch daran, dass der erste Fall erst am 03.03.2020 (Deutschland 28.01.2020) vermeldet wurde und man nicht einmal zwei Wochen spaeter, also bereits am 16.03.2020 in Phase 4 der Klassifizierung der WHO gerutscht ist und Maßnahmen ergriffen hat. Wenn auch zögerlich und eben teilweise Maßnahmen, an die Teile der Bevölkerung sich nicht halten werden können.

Während außerdem in Deutschland eine rekordverdächtige Anzahl Tests gemacht wird, muss hier ein Test mit Kosten in Höhe von etwa EUR 35,- selbst vom Patienten bezahlt werden. Sicherlich auch ein Grund wieso die Fallzahlen hier geringer ausfallen.

Meine persönliche Situation

So weit also die Lage in Chile. Wie aber könnte es für mich weitergehen? Sehr gute Frage, liebe Freunde. Die ich mir die Tage auch mehrmals gestellt habe. Bis es mir mit dem Fragestellen gereicht hat und ich Antworten wollte. Mit Notizblock, Bleistift und dem Laptop meiner Mitbewohnerin habe ich mir diese selbst gegeben. Denn über eine Lockerung der Maßnahmen in Deutschland kann laut Kanzlerin Angela Merkel ab einer Verdopplungszeit der Anzahl Infizierten von zehn bis 14 Tagen gesprochen werden. Gehen wir davon aus, dass auch in Chile das Rad nicht neu erfunden wird und das auch hier der Moment ist, in dem wieder über schrittweise Normalität gesprochen wird, dann kann ich daraus einen Zeitraum ableiten, in dem in meine Planung wieder etwas Bewegung kommen sollte.

Der Logarithmus von 2 (Verdopplung) geteilt durch den Logarithmus der aktuellen Wachstumsrate ergibt die Verdopplungszeit. Als aktuelle Wachstumsrate setze ich wie der Spiegel das durchschnittliche Wachstum der vergangenen fünf Tage an. Genug um schlechte Meldetage und Wochenenden auszumerzen, aber nicht zu viel um auch noch aktuell zu sein. Ich beschaffe mir die täglichen Fallzahlen der vergangenen 21 Tage und errechne daraus die aktuelle (6,6 Tage) und die historischen Verdopplungszeiten in Chile. Dann mache ich daraus ein Diagramm und lasse mir von Excel eine leicht exponentielle Trendfunktion ausgeben, die auf den wunderschönen Namen „y = 2,2898e ^ 0,063x“ hört. Ein Gedicht. Ich löse das Ganze einmal mit y = 10 und einmal mit y = 14 nach x auf und finde heraus, dass wir hier in Chile bereits zwischen dem 12.04.2020 (Verdopplung 10 Tage) und dem 18.04.2020 (Verdopplung 14 Tage) soweit sein könnten. Ich errechne auf Grundlage der prognostizierten Verdopplungszeit dann noch die wahrscheinliche Dynamik der nächsten Tage und prophezeihe die Anzahl täglicher Neuinfektionen, mit denen ich an den ersten beiden Tagen um nur etwa 6% und 8% daneben lag. Nicht schlecht für den Anfang.

Wie sinnvoll das Ganze ist, kann ich leider nicht einschätzen. Zuversichtlich stimmt mich aber, dass die tatsächlichen Verdopplungszahlen in Italien, Spanien und Deutschland meiner prophezeiten chilenischen Kurve sehr ähneln, die ja nun außerdem mit jedem neuen Tag und neuer Dateneingabe noch genauer werden sollte.


Sollte ich mich sehr vertan haben, hat es mich immerhin einen Vormittag lang beschäftigt. Nimmt man meine Berechnungen aber zur Grundlage und sollten sich die Annahmen über eine hohe Dunkelziffer symptomlos Erkrankter in den endlich angelaufenen Studien bestätigen, dann könnte es durchaus sein, dass ich noch Anfang Mai wieder innerhalb Chiles unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln zu reisen beginnen kann. Und da die Situationen in Chile und Argentinien vergleichbar sind, lässt sich eventuell der Grenzübertritt nach Argentinien und damit der erste Schritt zur Weiterreise in Richtung Uruguay noch im Mai oder Anfang Juni realisieren. All das werden die nächsten Tage zeigen.

Im Allgemeinen scheint es trotz der Nickligkeiten mit der Hauswirtin ein echter Glücksfall zu sein, dass ich hier zum Stehen gekommen bin. Denn in anderen Teilen Südamerikas dampft die Scheiße nicht mehr nur, nein, das kann getrost schon als Scheißegroßbrand bezeichnet werden. Als hätte die deutsche Bundeswehr ein Moor aus Scheiße in Brand geschossen. Als würde ein australischer Wald aus Scheiße brennen. So sehr brennt die Scheiße. In Ecuador liegen die Toten auf den Straßen, sterben beim Anstehen vor dem Krankenhaus, noch bevor sie ein Arzt überhaupt zu Gesicht bekommt. Die Krankenhauseinrichtungen lassen für Venezuela nicht viel Gutes hoffen und Brasilien, seinen gigantischen Favelas und seinem Wi***er von Präsidenten steht das Schlimmste sicherlich erst noch bevor. In so einer Situation Pläne über meine Weiterreise anzustellen ist sicherlich moralisch nicht ganz sauber, aber ich hoffe irgendwie auch nachvollziehbar.

Langeweile? Naaah


Außer mit Auffrischen meines Mathe-LK-Wissens verbringe ich die (wenige) Zeit, die mir bleibt damit neue Dinge auszuprobieren. Dazu zählt zum Beispiel Yoga.


Dazu lerne ich jene Teile der spanischen Grammatik, die mir seit immer Probleme bereiten, mir aber bislang egal waren. Ich versuche zum 593. Mal Einsteins Relativitätstheorie zu verstehen oder lerne Grundlagen der Computerprogrammierung. Und zu allem Überfluss habe ich ja auch noch einen Roller in der Garage, der Liebe und Zuneigung und in den nächsten Tagen auch neue Reifen braucht.

Außerdem habe ich bereits mehr aus Langeweile als aus Notwendigkeit den Silentgummi am Federbein ausgewechselt und die ausgelutschten Stehbolzen der Ersatzradhalterung abgesägt, ausgebohrt und durch neue ersetzt.


An den Silentgummis des Motors bin ich leider gescheitert. Das Risiko Bertl in einen nicht fahrtauglichen Zustand zu versetzen, rechtfertigt nicht den Nutzen der neuen Gummis.

In other news


Nicht ganz ohne Stolz möchte ich an dieser Stelle kurz erwähnen, dass in der Februar-Ausgabe des deutschsprachigen Magazins „Die Wespe“ der Artikel über meine erste Etappe von Kolumbien nach Ushuaia erschienen ist, den ich in Río Gallegos in einer dreitägigen Regenpause verfasst habe.


Außerdem darf ich von nun an wie alle anderen Überlandreisenden die Pampa mit meinen Aufklebern verschandeln, da ich nun seit kurzem sogar mit Logo bin. Ein Logo, das der großartige Jonny aus Medellín nach meinem Gusto für mich entworfen hat.


Zum Ende hin bleibt mir nur zu sagen: Ich liebe euch alle. Bleibt alle gesund. Ich bin es, mit Ausnahme eines heftigen Kribbelns in den Fingern, das nur eine Weiterfahrt erfolgreich bekämpfen kann, auch.

4 Antworten zu “Tage 247 bis 264: Corona-Sonder-Extra-Special (Chile-Edition)”

  1. Ola Osterhasi,
    ja, die Sache mit dem Virus läuft echt ziemilch aus dem Ruder. Wie du ja sicher schon mitbekommen hast, wurde bei uns die Kurzarbeit eingeführt.
    Zu deiner eigenen Corona Situation, lass die Axt lieber im Schrank, das gibt eine riesen Sauerei, schnibbel lieber weiter deinen Wurstsalat und gönn dir ein lecker Bierchen.😁

    Deine Bertel macht ja mittlerweile wieder einen richtig guten und zuverlässigen Eindruck, jetzt noch neue Gummis auf die Felgen, dann wird’s auch mit der Tour bald weiter geh’n.

    Wenn du deine Hochrechnung zu der Ausbreitung des Virus der Regierung zur Verfügung stellst, dürfte es mit deiner Weiterfahrt auch klappen.

    Also, halt die Ohren steif, haha Ostern und so, und bleib gesund.

    Gruß Thomas

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