Tage 265 bis 278: Die Flucht aus dem Horrorhaus

Es gibt nichts zu berichten. Und davon viel. Ich werde mich daher jetzt und auch in Zukunft bis ich wieder unterwegs bin und es wieder wirklich etwas von Relevanz gibt, noch mehr zurücknehmen. Eine typische Anekdote #classicSüdamerika darf aber nicht fehlen.

Daher berichte ich nun also in vier kurzen knackigen Abrissen über:

  • Meinen inzwischen erfolgreichen Auszug aus dem Haus der alten Schreckschraube
  • Die Arbeiten an Bertl
  • Die aktuelle chilenische Corona-Lage
  • Wann und wie es für mich eventuell, also vielleicht, unter Umständen weitergeht

Die Flucht aus dem Horrorhaus

Die Schreckensherrschaft der alten Fregatte ist vorbei. Fast zeitgleich mit dem Erscheinen des letzten Lageberichtes ist meine Wohnsituation nämlich eskaliert. Als ich wieder einmal per Schrei aus dem Erdgeschoss aus meinem Zimmer im ersten Stock zitiert werde und offenbar nicht schnell genug erscheine, werde ich Zeuge dessen, wie die Vermieterin vor meinen Augen ihr Handy hervorkramt, ihre Tochter anruft und dieser unter Tränen davon erzählt, wie ich mich nur in meinem Zimmer aufhalte, anstatt ihr im Haushalt zu helfen. Und das obwohl sie mir ja extra einen günstigeren Preis für mein Zimmer gegeben habe, damit ich sie unterstütze. Letzteres übrigens eine Information, die die alte Schreckschraube mir vorenthalten hatte. Hätte ich sie gehabt, hätte ich nämlich wohl darauf bestanden im Austausch gegen meinen Seelenfrieden den vollen Preis abzurüsten. Kommmunikation ist ja so wichtig, Leute.

Ich zögere in Folge dieser Situation nicht lange und packe meinen Rucksack. Diese Scheiße brauche ich echt nicht.

Dank meiner chilenischen Mitbewohnerin, die ebenfalls das Weite sucht, finden wir recht schnell Ersatz und nur ein paar Stunden nach dem Moment, der das Fass zum Überlaufen brachte, beziehe ich meine neue Bleibe. Eine rund acht Quadratmeter messende Kammer. Ich habe ein Fenster, das nach Westen zeigt und mir Nachmittagssonne liefert, eine Steckdose und ein Bett. Bertl steht sicher abgeschlossen im Innenhof vor meinem Fenster und das 56k-Modem feuert WLAN durch das Haus, wenn die AOL-CD richtig eingelegt ist.

Meine neuen Mitbewohner sind drei Chilenas, ein Chileno, ein Venezolaner und ein kolumbianisch-venezolanisches Ehepaar mit ihrem 8-jährigen Sohn. Wir teilen uns drei Badezimmer und eine Küche. Alle respektieren wir gegenseitig unsere Privatsphäre und jeden Samstag bolzen wir uns alle miteinander heftig einen rein. Wat willste mehr…

Bertl

Bertl ist soweit (hoffentlich) abfahrbereit. „Hoffentlich“ deshalb weil meine Versicherung abgelaufen ist und ich sie nicht ausreiten kann, wie das normalerweise ein Edelmann mit seiner Stute machen sollte. Ich lasse sie also stehen wo sie ist, und hoffe, dass sie abliefert, wenn es irgendwann weitergehen kann.

Lediglich einen Satz Reifen wollte ich die Tage mal eben online kaufen und auf die Alte aufziehen. Ein Unterfangen, das auch in Chile (weil halt eben immer noch Südamerika) mittelschwer ausufern kann und mich wieder ein paar Tage näher an die Ergrauung meines strohblonden Haupthaares gebracht hat.

Nachdem nach einer ersten Bestellung eine Woche lang nichts ankam, teilte mir der Händler erst auf Rückfrage mit, dass meine bereits bezahlten Reifen gar nicht vorrätig seien. Man werde mir aber das Geld zurückerstatten. Sehr zuvorkommend denke ich und finde dann nach längerer Suche einen weiteren Schlappenhändler, der mir tatsächlich drei gleiche Pneus zusenden kann. Weil zu diesem Zeitpunkt meine neue Adresse noch unklar ist, bestelle ich die Dinger zu einer Freundin meiner Mitbewohnerin mit festem Wohnsitz in Los Angeles. Diese schläft aber als meine neuen Gummis angeliefert werden, den Schlaf der Gerechten und angelt lediglich abends ein Stück Papier aus dem Briefkasten, auf dem geschrieben steht, dass die Zustellung gescheitert ist und ich meine Reifen nun persönlich vor Ort im Lagerhaus der Firma FedEx abholen müsse. Ein Anruf bei der Hotline von FedEx und mir wird versichert, dass das Lagerhaus und das zugehörige Büro dort bis um 18 Uhr geöffnet sind.

Ein Zettel an der Türe des Büros hat aber um 16:30 Uhr eine andere Meinung, als mich mein Taxi dort absetzt. Ich lasse mich demnach wieder einmal mit Krawatte zurückfahren, bezahle die EUR 5,- für das Taxi und beschließe es am nächsten Tag vormittags nochmal zu versuchen. Und tatsächlich habe ich mehr Glück, als ich dieses Mal eine offene Türe vorfinde.

FedEx-Fernando verhagelt mir dann aber gleich zum Start in den Tag mal so richtig schön die Petersilie, als er mir eröffnet, dass meine Reifen gar nicht hier sind, sondern in wenigen Minuten erneut zugestellt werden. Como funciona este pais? Wie funktioniert dieses Land, frage ich den sichtlich verwirrten Fernando, der sich bereits wieder seinem Smartphone zugewandt hatte. Was? fragt er verwirrt.

Ob hier jemals die linke Hand wisse, was die rechte tut, will ich wissen und zeige ihm das Foto des Abholscheins vom Vortag. Er könne sich das nicht erklären. Das passiere sonst ja nie. Klar. Wie üblich. Er ruft also den Fahrer des LKW an und bittet diesen an einer Straßenecke zu warten und nennt mir die Adresse, an welche mich dann mein Taxifahrer kutschiert. Mitten in der Stadt auf offener Straße nehme ich dann endlich meinen neuen Satz Reifen entgegen. So einfach.

#classicSüdamerika

Bild Bertl

Corona

Und dann ist da ja noch Corona. Das wichtigste vorab: Es gibt in Chile auch weiterhin Nachschub an Qualitätsbier der Marken Weidmann, Kaiserdom und Oettinger. Ach und ja, mir geht es gut.

Tatsächlich wird zu meinen anvisierten Daten über die Rückkehr in ein Stück Normalität diskutiert. Der Weg dorthin scheint hier in Chile anders umgesetzt zu werden als in Deutschland. Irgendwie konsequenter und gleichzeitig auch irgendwie dilettantischer. Auf der einen Seite wird der Einlass in die Supermärkte kontrolliert und bei jedem Kunden Fieber (auf Wunsch sicher auch rektal) gemessen. Auch hängen in den Supermärkten in nahezu jedem Gang stets volle Alkoholgelspender um sich die dreckigen Griffel zu desinfizieren. Dazu tragen die Menschen eigentlich schon seit mehreren Tagen Masken, selbst bevor am 17.04. die allgemeine Maskenpflicht eingeführt wurde.

Auf der anderen Seite aber, wurden am gestrigen 20. April wieder Einkaufszentren geöffnet und die Bilder offenbarten das reinste Chaos. Dicht an dicht gedrängt und ohne jeglichen Willen Abstand zu halten, stürmten die shoppingsüchtigen Chilenen die Malls. Zum 27. April sollen nun auch Schulen in weniger betroffenen Bezirken und Regionen wieder öffnen.

Was bedeutet das für mich?

Prinzipiell gilt, dass ich erst weiterreise, wenn dies moralisch vertretbar ist. Das soll heißen, dass ich in keine Regionen oder Länder reisen möchte und werde, in denen die Gesundheitssysteme gerade kurz vor dem Kollabieren sind. Außerdem ziehe ich nur unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln weiter um sicherzustellen, dass ich niemanden anstecke. Wie das konkret aussieht, muss ich noch für mich festlegen. Prinzipiell ist dies aber sicher mit einer penibleren Planung und vermehrt einsamen Nächten im Zelt machbar.

Konkret heißt das also, dass es schon bald weitergehen könnte. Denn: Reisen innerhalb Chiles an sich waren außer in den paar Städten in Präventivquarantäne noch nie verboten. Ich habe mich ja lediglich freiwillig selbst isoliert um abzuwarten, wie die Situation sich entwickeln würde. Da ich mir die 100 Dollar für die Verlängerung meines Visums, sowie die nächsten EUR 130,- Monatsmiete gerne sparen würde, spiele ich mit dem Gedanken Los Angeles bis spätestens 8. Mai und Chile bis spätestens 13. Mai zu verlassen.

Dazu würde ich also zunächst etwa 600 km nach Norden bis nach Los Andes vordringen. Das ist zwar (Achtung: flach) langviriger als vor Corona, aber machbar. Der innerchilenische Reiseverkehr wird geregelt über sogenannte „Aduanas sanitarias“. Von verschiedenen Behörden eingerichtete „Gesundheits-Grenzkontrollen“ an Mautstellen. An jenen muss der Reisende eine eidesstattliche Erklärung abgeben und neben einer Fiebermessung (auf Wunsch sicher auch rektal) auch gesundheitsbezogene Fragen der Behördenangestellten über sich ergehen lassen. Dann wird ihm ein „Gesundheitsreisepass“ ausgestellt, der zur Einreise in eine andere Region ermächtigt. Los Andes zu erreichen wäre also machbar.

Von dort lassen sich über eine, Erzählungen nach, unfassbar schöne Passstraße die Anden überqueren bis man das argentinische Uspallata erreicht. Aber: So „einfach“ der Weg nach Los Andes auch wäre. Die Grenze stellt derzeit noch ein unüberwindbares Hindernis dar. Denn diese ist sowohl auf der chilenischen Seite dicht, als auch von der argenitnischen.

Argentinien ist bis einschließlich 26. April im Lockdown und evaluiert dann die Situation neu. Die Fallzahlen entwickeln sich nahezu identisch zu Chile und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die beiden Länder demnächst den Dienst an der Grenze wieder aufnehmen und unter Einhaltung der nötigen Vorkehrungen wieder Reiseverkehr zulassen.

Die Reise wäre natürlich kein Vergleich zu meiner Reise zuvor. Denn auf nicht absehbare Zeit werden Nationalparks geschlossen bleiben. Und auch Bars, Restaurants sowie Hostels wird dieses Schicksal wohl ereilen. Das wäre mir aber so lang wie breit. Denn das bloße Fahren ist für mich ja bereits Erlebnis genug und wäre schon ein Quantensprung. Die Umstellung auf nahezu komplette Selbstversorgung und den erhöhten Planungsaufwand nehme ich dafür nur allzu gerne in Kauf.

Natürlich darf man aber auch die Risiken nicht außer acht lassen. Was wenn ich mich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen unterwegs anstecke und krank werde? Wo begebe ich mich in Selbstisolation? In meinem Zelt? 14 Tage und Nächte im chilenischen Winter und dazu noch krank? Wohl eher nicht. Und was wenn Bertl trotz aller Reparaturen und guten Zuredens doch wieder muckt? In dieser Phase mal schnell eine Unterkunft finden um in Ruhe an der Reuse zu schrauben? Schwierig.

Um die richtige und die, in diesen Tagen hyperinflationär missbrauchte, „kluge Entscheidung“ zu treffen, werde ich die Nachrichten in beiden Ländern weiter ganz genau verfolgen und dann mit meiner Entscheidung wahrscheinlich voll in die Scheiße langen. Wie sollte es anders sein…

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