Tage 295 bis 300: Himmelfahrtskommando.

Warten bis die Grenze nach Argentinien öffnet, rüberfahren, Bertl stehen lassen, heimfliegen. Am Arsch. Keine Flüge in, nach und aus Argentinien bis 1. September 2020. Das ist die Info, die ich nebenbei entdecke, als der Präsident von Argentinien wie erwartet am 10. Mai die Grenzschließungen mindestens bis zum 24. Mai verlängert. Der Plan wird also noch komplexer. Warten bis die Grenze nach Argentinien öffnet, rüberfahren, Bertl stehen lassen, mit dem Bus wieder nach Chile fahren, heimfliegen. Klingt nach jeder Menge Kilometern und noch verdammt viel Zeit.

Die Überfahrt nach Argentinien bereitet mir aber zunehmend Kopfzerbrechen. Ich müsste wählen zwischen dem voll geteerten, aber in 2.600 Metern Höhe bis zur Öffnung der Grenzen vermutlich verschneiten und eisigen Pehuenche Pass. Oder dem alternativ nur bis zu 800 Meter hohen aber mit über 60 km Schotterpiste versehenen Icalma Pass. Die Wahl zwischen Pest und Corona. Und als ich da so zwischen Open Source Straßenkarten und Wikipedia-Artikeln über chilenische Passstraßen langsam aber sicher den Durchblick verliere sticht mir in der Bestätigung zur Verlängerung meines Aufenthaltstitels von Bertl das Kleingedruckte ins Auge. Ein neues extra wegen Corona erlassenes Gesetz unterbricht offenbar schon seit dem 18. März die Zählung der Tage, die sich meine Reuse im Land befindet.

Ich wälze also noch zwei Stunden lang chilenische Gesetzestexte und dann steht fest: Ich habe keine Ahnung was drin steht.

Daher rufe ich am Montag das Zollbüro meines Vertrauens an und bekomme die frohe Kunde, dass ich in dieser Sondersituation tatsächlich Bertl in Chile stehen lassen dürfe und ihren Aufenthaltstitel per Email aus Deutschland bis Januar 2021 immer wieder um drei Monate verlängern könne. Sofern ich denn zuvor die Verantwortung für das Moped einem Chilenen übertrage. Auch das aber keine unüberwindbare Hürde, denn Richard, der mir zuvor schon stets als mechanischer Berater zur Seite stand, erklärt sich umgehend bereit das für mich zu tun und Bertl bei sich im Haus unterzustellen bis ich zurückkommen würde. Bliebe also nur noch das Problem Heimflug, denke ich und stelle noch am selben Nachmittag fest, dass ein Flug tatsächlich Santiago in Richtung Madrid verlassen hat. Da brat mir einer nen Storch. Wieder einmal muss ich mir die Frage stellen: Sollte es am Ende doch so einfach sein? Wie üblich gilt als Antwort auf diese Frage aber nur eines: Nein. Natürlich sollte es das nicht.

Der Flug

Noch das kleinste Übel. Einzelheiten lasse ich an dieser Stelle wegfallen. Aber: Zwei gebuchte und eine stornierte Reservierung und 87 nicht enden wollende Minuten am Telefon mit fünf indischen Servicemitarbeitern später, habe ich nun zumindest ein Ticket und eine realistische Chance am 1.. Juni von Chile nach Brasilien und von dort in Richtung Europa abzuheben. Stand jetzt lediglich nach Paris, da der Anschlussflug nach Stuttgart ebenfalls wieder storniert wurde. Eine Lösung ist in Sicht. Letztlich ist es mir aber scheißegal wo auf dem europäischen Festland mich der Vogel ausspuckt. Irgendwie komme ich von dort schon nach Hause. Und wenn es per Direktbus „Paris –> Orsingen-Nenzingen“ ist.

Der Zoll, zum Ersten

Der meist unterschätzte Punkt. Nein, man kann sein Fahrzeug nicht „einfach stehen lassen“ und das Land verlassen. Entweder lassen einen die Behörden schon gar nicht ausreisen oder man bekommt dann irgendwann in ferner Zukunft bei der Ausreise mit dem Fahrzeug eine Strafe aufgebrummt, die seinesgleichen sucht. Daher sollte sich auch der Übertrag der Verantwortung noch zu einer mittelschweren Katastrophe entwickeln. Denn das Zollbüro der Stadt Santiago (im chilenischen Epizentrum der Pandemie) besteht auch nach mehreren Emails und Anrufen darauf, dass mein anvisierter „Verantwortlicher“ persönlich erscheint um den Vorgang abzuschließen. Dieser aber ist schwer vorerkrankt und kann eine Reise durch die halbe Stadt in das Zollbüro im Flughafen unmöglich auf sich nehmen. Ein Freund von Richard fürchtet sich vor der Verantwortung und ist nicht bereit, diese auf sich zu nehmen. Bliebe da noch die Option Bertl Carlos aus Los Ángeles zu überlassen und per Bus nach Santiago zu reisen. Doch Los Ángeles hat kein Zollbüro und das nächstgelegene ist knackige 1,5 Autostunden entfernt. Ohne große Hoffnung versuche ich daher mein Glück und sende eine Email mit der Bitte den Vorgang per Email abzuwickeln unter Angabe aller Daten und Kopien von Carlos‘ chilenischem Personalausweis an jenes weiter entfernte Zollbüro, bereit noch einige Tage auf deren Antwort zu warten.

Corona

Da aber platzt die Bombe. Es ist Mittwochvormittag und der Präsident von Chile (übrigens ein Arschloch) zersticht meine rosafarbene Hubba-Bubba-Euphorieblase als er die Totalquarantäne für den Großraum Santiago ab Freitag, 15. Mai, beginnend um 22 Uhr, verkündet. Ich reagiere panisch, denn nach diesem Datum ist eine Einreise mit Bertl in die Region unmöglich. Das Moped dann bei Richard zu lassen ausgeschlossen. Noch länger auf die Antwort vom hiesigen Zoll zu warten, ebenfalls ausgeschlossen, denn bis dahin würden auch keine Busse mehr nach Santiago einreisen dürfen. Und das Moped einfach in Los Ángeles bei Carlos zu lassen und sofort per Bus nach Santiago zu fahren auch keine Option. Denn wenn der hiesige Zoll dann später ebenfalls auf persönliches Erscheinen besteht, sitze ich längst in Quarantäne in Santiago und komme auch nicht mehr heraus.

Ich brauche ein wenig um das Ausmaß dieser Entscheidung zu verstehen und kapiere letztlich, dass mich das mit nur einer Option zurücklässt. Eine mit der ich mich sehr unwohl fühle und die mich die folgende Nacht auch nicht viel schlafen lässt.

Ich muss binnen zwei Tagen die knapp 550 km durch Gesundheitskontrollen und Quarantänegebiete hindurch nach Santiago fahren, dort bestenfalls noch vor Einbruch der Dunkelheit um 18 Uhr, jedoch in jedem Fall vor Beginn der Quarantäne Bertl bei Richard lassen und dann dort versuchen Richards Freund zu überzeugen für mich und Bertl zu bürgen. Zum jetzigen Zeitpunkt völlig unvorbereitet und mit einem Moped, von dem ich mangels Testfahrtmöglichkeit noch nicht weiß, ob es nach all der vorangegangenen Scheiße überhaupt zuverlässig läuft. Ein Himmelfahrtskommando. Aber meine einzige Chance.

Die Entscheidung für dieses Unterfangen fällt um etwa 16 Uhr und ich schalte in den Arbeitsmodus. Ich lasse der Versicherung, die mich seit zwei Tagen mit meiner Bestätigung für die Mopedversicherung vertröstet so gut es geht auf spanisch die parrilla (Rost) runter und bekomme meine verpflichtende Versicherungsbestätigung. Dann tanke ich Bertl und meinen Kanister voll und überprüfe den Reifendruck. Ich besorge mir online den für 24 Stunden gültigen Gesundheitsreisepass, der für Reisen von einer Region (analog unseren Bundesländern) in die nächste zwingend vorgeschrieben ist. Dann verschaffe ich mir einen Überblick über die chilenischen Quarantänegebiete, in denen ein Anhalten und Absteigen vom Moped bei Strafen beginnend ab EUR 2.700,- verboten ist und packe meine Sachen.  Ich buche ein Hostel im 327 km entfernten Curicó und noch eines in einem von nur vier zu diesem Zeitpunkt noch quarantänefreien Bezirken Santiagos. Gewagte lange erste Etappe, aber alternativlos, will ich es in zwei Tagen zu Richard schaffen.

Als allerletzte Amtshandlung gehe ich an diesem Abend mit einem verdammt unguten Gefühl in der Magengegend ins Bett, in welchem ich dann wie bereits erwähnt nicht allzu viel schlafe.

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