Tage 301 und 302: Bye Bye Bertl

Road to Curicó

Und dann ist es Donnerstagmorgen. Und Zeit Moped zu fahren. Mehr nicht. Zwar über 550 km inmitten einer weltweiten Pandemie durch Sperrgebiete auf einem Moped, dessen Leistungsvermögen im Dunkeln liegt, aber eben trotzdem nur Moped fahren. Der originäre Grund wieso ich ja überhaupt nur hier bin.

Die Tage sind kurz. Knappe zehn Stunden Tageslicht bleiben noch um diese Jahreszeit. Daher möchte ich um etwa 8 Uhr mit der aufgehenden Sonne losreiten. Was mir auch fast gelingt. Fast. Denn der Abschied von meinen lieb gewonnenen Mitbewohnern zieht sich natürlich etwas. Aber bereits um 8:30 Uhr befinde ich mich auf der Autobahn in Richtung Norden. Zwei Paar Socken, lange Unterhose unter und Regenhose über der Jeans, sowie Thermounterhemd, zwei Pullis und eine Jacke unter der Motorradjacke verhindern gemeinsam mit Halstuch und zwei Paar Handschuhen, dass mir Väterchen Frost bei einstelligen Temperaturen die Klöten schrumpeln lässt.

Langsam taste ich mich an eine Reisegeschwindigkeit von etwa 65 km/h ran. Bloß nicht zu viel riskieren. Denn der neue Kolben hat bei Weitem noch nicht die nötigen Kilometer runter um eingefahren zu sein. Doch Bertl läuft gut. Rund, weich und mit einem schönen Klang. Regelmäßig rutsche ich aus Versehen über die 70, über die 75 oder gar die 80 km/h und muss mich selbst einbremsen.

Die Strecke macht nicht viel her. Zumeist zwei-, manchmal gar dreispurige Autobahn. Aufgrund der Pandemie glücklicherweise wenig Verkehr und damit einhergehend wenig zu verteilende Stinkefinger für viel zu knappe Überholmanöver. Fast bin ich darüber etwas enttäuscht. Aber nur fast. Meine Sorge gilt weiterhin eher dem sicheren Ankommen am Zielort als einer Unterdosis Stinkefinger.

Die neuen M+S gekennzeichneten slowenischen Mitas Monsum Schlappen fühlen sich bei längsgerillter Fahrbahn etwas schwammig, ansonsten aber gut an. Genau wie ich selbst auch.

Denn nach 45 km sind lediglich die beiden Zeigefinger etwas eingefroren. Der Rest meines Körpers lauschig warm. Und mit jedem weiteren Kilometer nimmt dann auch die Kraft der Sonne weiter zu. Auf der Haben-Seite steht außerdem, dass es laut Wetterbericht in diesen anvisierten zwei Fahrtagen genau 0 Mililiter Niederschlag geben soll. Es darf ja durchaus auch mal etwas gut laufen.

Als die beiden Uhrzeiger 10:15 Uhr signalisieren habe ich dank geil laufender Bertl bereits knapp über 100 Autobahnkilometer runter. Die Pausen für Bertl beschränke ich auf zehn Minuten, da ich noch nicht weiß wie viel Zeit mich die an der Regionalgrenze folgende Gesundheitskontrolle kosten wird.

20 Minuten. Mehr nicht. Und das auch nur weil ich mich zunächst noch schön brav in den Stau eingereiht hatte, der sich vor der Kontrolle gebildet hatte. Nachdem mir aber ein LKW Fahrer durch Winken seiner Kippe aus dem Fahrerfenster signalisiert, dass ich doch einfach an allem vorbeifahren soll, mache ich genau das. Mehr als drei Kilometer Stau spare ich mir so und reihe mich kurz bevor die mit Sturmgewehren bewaffnete chilenische Armee den Checkpoint bewacht, wieder ein. Ganz vorne angekommen muss ich zunächst den Helm abnehmen und meine Körpertemperatur (leider nicht rektal) messen lassen und anschließend den QR-Code meines Gesundheitsreisepasses auf meinem Smartphone vorzeigen. Der Gesundheitsreisepass ist lediglich eine eidesstattliche Erklärung darüber, dass man weder Symptome aufwies oder aufweist, noch Kontakt zu nachweislich Infizierten hatte. Der Code hinter dem die gemachten Angaben schlummern, wird lediglich gescannt, ehe ich schon weitergewunken werde. Das war einfach.

Ich nutze die Gelegenheit aber und mache direkt hinter der Kontrolle eine kurze Pause um Bertls Tank zu füllen, durchzuatmen und meinen Fortschritt zu evaluieren. Es ist fast zwölf Uhr mittags. Ich habe exakt 163 km runter und noch 164 vor mir. Kontrollen sollten heute keine mehr folgen und ich liege damit super in der Zeit.

Etwa eine Stunde später sind es dann schon 214 Kilometer. Beim Verschlingen meines mitgeführten Käsebrots, nach vorherigem Desinfizieren der Patschen, merke ich aber, dass mir bereits Rücken und Arsch schmerzen. Nach über zwei Monaten Pause bin ich offenbar nichts mehr gewohnt.

Und so werden die restlichen Kilometer erwartet zäh. Aber ich ziehe mit nur einer weiteren Pause durch und erreiche um 15:30 Uhr nach nahezu sieben Stunden mit nur kurzen Pausen und damit fast 2,5 Stunden vor Einbruch der Dunkelheit mein Hostel in Curicó, wo ich nach kalter Dusche und per Lieferdienst bestelltem Hot Dog völlig durch ins Bett falle. Gut so.

Road to Santiago

Denn auch am nächsten Morgen geht es wieder früh los. Ich ziehe mir wieder einen neuen Gesundheitsreisepass, packe mich ebenfalls wieder dick ein und starte um kurz nach 8 in die zweite Etappe. Heute schon weitaus zuversichtlicher, ob der offensichtlich zurückgekehrten Leistungsfähigkeit meiner Bertl. Aus der Bahn wirft mich dann auch nicht sie, sondern eine Email, die ich in meiner ersten Pause nach nur 30 km lese und in der mir mein seit Mittwoch gebuchtes Hostel in Santiago mitteilt, das Hostel aufgrund der beschlossenen Quarantäne zu schließen und mich nicht aufnehmen zu können.

Fuck fuck fuck denke ich. Und tatsächlich nicht mehr. Außer vielleicht noch Scheiße Scheiße Scheiße. Denn das ist übel. Santiago ist aufgrund der bereits in einigen Stadtteilen herrschenden Quarantäne ein Minenfeld in dem man unbedingt wissen muss wohin es geht. Ein Fehler in Form eines Verstoßes gegen die Quarantäne kann schnell in die Tausende Euro Strafe gehen. Und noch viel mehr Sorge bereitet mir eventuell kein Hostel zu finden. Vielleicht machen ja alle Hostels dicht, weil sie gar keine Gäste empfangen dürfen? Eventuell kann ich so gar nicht nach Santiago einreisen? Wie zum Teufel soll ich so meinen Flug erwischen? Und wo lasse ich Bertl stehen? Ich schiebe heftige Panik. Ich merke wie mein Gesicht heiß wird und meine Finger zu zittern beginnen. In Santiago willst du abends/nachts nicht ohne Unterkunft sein. Und erst recht nicht inmitten einer gottverdammten Pandemie.

Ich fahre „zur Beruhigung“ erst einmal weiter. Weitere, mir ewig vorkommende, 30 km während derer meine zwei verbliebenen Hirnzellen auf Hochtouren arbeiten. Dann halte ich mit einem Plan an und buche nach dem Gießkannenprinzip nur jeweils die heutige Nacht in drei weiteren Hostels, die zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht in Quarantänebezirken liegen. Denn nur durch eine Reservierung gelange ich an die Telefonnumer des Hostels. Die potenziellen Stornogebühren werden als Kollateralschaden abgeschrieben. Dann rufe ich nach und nach die Hostels an. Doch erst beim Dritten nimmt ein freundlicher Mann ab und sichert mir zu bis zu meinem anvisierten Abflugtag unterkommen zu können. Gut gegangen. Durchatmen. Weiterfahren.

Und so euphorisiert raspeln sich die Kilometer von selbst. Nicht einmal eine Gesundheitskontrolle kostet heute Zeit. Diese wird lediglich in Gegenrichtung abgehalten. Klar, kein normaler Mensch fährt auch freiwillig in das Epizentrum der Pandemie. Würde ich auch nicht. Wenn das nicht meine einzige Chance wäre nach Hause zu kommen.

So ganz ohne lästige Kontrollen und Pannen bleibt heute sogar noch Zeit für das letzte Foto dieser Art meiner Bertl vor einer einigermaßen ansehnlichen Kulisse. In diesem Fall eine Bergkette und eine massive Menge Müll.

Noch nicht einmal 13 Uhr ist es somit als ich im Hostel ankomme und im Vierbettschlafsaal, in dem ich der einzige Gast bin, meine Sachen sortiere nach denen die hier verbleiben und jenen, die die Rückreise mit nach Deutschland antreten. Kurze Dusche, kurzes Mittagessen und ab zu Richard durch den auch bei stark reduziertem Verkehrsaufkommen immer noch ätzenden Stadtverkehr der Millionenmetropole.

Richard, Präsident des Vespa Clubs Chile, „kenne“ ich lediglich über WhatsApp. Das aber schon seit ich im November in Chiles Norden einen Mechaniker über eine Vespa-WhatsApp-Gruppe gesucht hatte und er mich persönlich angeschrieben hatte. Seither hatte er mich durch alle Probleme mit Bertl hindurch beraten und mir mit seinen Kontakten in der lateinamerikanischen Vespa-Welt sehr geholfen. Und helfen tut er mir nun auch, indem er meine Bertl und meine Camping- und Motorradausrüstung gegen einen angemessenen Obulus bei sich lagert, bis ich zurückkehren werde um meine Reise fortzuführen.

In seinem Hof nehme ich die, in Los Ángeles mehr oder weniger provisorisch gelötete, Zündgrundplatte und den Vergaser ab. Erstere würde ich gerne mit Kabeln in Originalfarbe und richtigem Kabelquerschnitt zu Hause noch einmal neu einlöten. Letzteren bei meiner Rückkehr durch ein Neuteil austauschen. Sichi ist sichi. Währenddessen und danach fachsimpeln wir noch etwas über Vespas, Reisen und (natürlich) Corona.

Und als ich nach 19 Uhr in meinem Uber zurück ans Hostel durch die Dunkelheit der chilenischen Hauptstadt schaukle, bin ich schwer gespalten. Unglaublich erleichtert darüber es heil nach Santiago und damit den ersten Schritt im Projekt „Heimkehr“ geschafft zu haben. Aber auch melancholisch und traurig. Ja, wir reden über einen Roller. Aber halt einen Roller, der seit ich ihn habe ein bedeutender, und für die letzten neun Monate eben ein noch bedeutenderer Teil meines Lebens war. Und genau deshalb ist es schwer dieses Stück Metall zurückzulassen. Jeder Abschied fällt schwer. Dass das auch für die Beziehung Mensch <-> Roller gilt hätte ich dabei nie gedacht.

Aber der Abschied ist auf Zeit. Denn meine Mission hier ist noch nicht vorbei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.