Tage 303 bis 318: Endspurt

Über zwei Wochen chilenischer Totalquarantäne sind vorbei. Zwei Wochen, die ich bei Temperaturen von 2 bis 29 Grad wahlweise mit Rotwein im Zimmer (ohne Maske) oder Kaffee im Hinterhof (mit Maske) verbracht habe. Dazwischen hatte mir ein Erdbeben der Stärke 5,5 mal noch den Rücken massiert und um die Spannungskurve oben zu halten, lag der einzige Mitarbeiter des Hostels mit Coronaverdacht (glücklicherweise negativ) einige Tage isoliert in seinem Zimmer. Immerhin: Der Schmerz über die zurückgelassene Bertl wich im Verlaufe dieser zwei Wochen der Vorfreude über eine mögliche Heimkehr. Auch wenn es bis dahin ein weiter Weg war und weiterhin sein wird. Vieles spielte mir dann doch ganz gut in die Karten. Ein (vermutlich) letztes langweiliges Update aus Santiago:

Quarantäne

Neben der Ausgangssperre, die seit knapp zwei Monaten zwischen 22 und 5 Uhr in ganz Chile gilt, bedeutet die Totalquarantäne für Santiago, dass im gesamten Einzugsgebiet das Haus nur noch verlassen darf, wer einen triftigen Grund hat und sich zuvor ein permiso individual temporal (etwa individuelle temporäre Erlaubnis) im Internet gezogen hat. Die permisos sind sowohl in der Anzahl begrenzt als auch in ihrer Gültigkeitsdauer. So gilt ein permiso zum Einkaufen 3 Stunden ab Ausstellung, kann aber nur zwei Mal pro Woche gezogen werden. Ein permiso um mit dem Hund Gassi zu gehen kann öfter gezogen werden, gilt aber nur eine halbe Stunde. Ich habe davon lediglich ein einziges Mal Gebrauch gemacht und meine Lebensmittel für zwei Wochen eingekauft. Darüber hinaus hielten mich die weiterhin aktiven Lieferdienste am Leben. Und 16 Tage mit mindestens einmal pro Tag Hamburger mit Fritten oder Pizza später, habe ich eher ab- als zugenommen. Fluch und Segen zugleich. Denn inzwischen sehe ich aus wie ein Liquid Paper Stift. Dürr und klapprig. Dafür aber mit Kessel.

Grund für die extreme Maßnahme der Totalquarantäne ist (überraschenderweise) die Explosion der Fallzahlen in und um Santiago. Seit Beginn der Quarantäne Mitte Mai kamen jeden Tag zwischen 3.000 und 4.000 neue Fälle alleine in Santiago hinzu, während es gesamthaft in Chile über 4.000 sind. Die Krankenhäuser in Santiago sind längst völlig überlastet. Schwere Fälle müssen von der Luftwaffe in andere Regionen ausgeflogen werden und der Peak lässt mit Sicherheit noch weiter auf sich warten. Wer Corona für Humbug und Maßnahmen für übertrieben hält, der kann Santiago als Feldversuch werten. Als gescheiterten, wohlgemerkt.

Die Explosion in den Fallzahlen kommt dadurch zu Stande, dass die chilenische Regierung die ärmsten der Bevölkerung nicht unterstützt und diese deshalb nicht mitmachen können bei der Selbstisolation. Völlig überraschend helfen auch nicht die vielen aufwendig produzierten #quedateencasa („bleib zu Hause“) Spots im Fernsehen.

Echte Hilfe kam keine an, die Menschen waren gezwungen weiter außer Haus zu gehen um Geld zu verdienen und das Virus konnte sich in der dicht besiedelten Stadt ungehindert ausbreiten. Die Quarantäne mag nun zwar über mehrere Tage die Situation im Infektionsgeschehen beruhigen, führt aber dazu, dass nun stattdessen schlimme Bilder aus Elendsvierteln im Internet die Runde machen, in denen die Menschen darüber klagen ihre Familien nicht mehr versorgen zu können. Die Regierung hat daraufhin zwar Lebensmittellieferungen zugesagt, leider aber im viel zu kleinen Maßstab. Klar, denn es braucht ja auch noch Geld um die Industrie zu retten. Und so fängt die Scheiße nun richtig an zu dampfen.

Es gibt erste Nachrichten über Straßenschlachten von Demonstranten und Polizei in Vororten, die bereits seit Wochen in Quarantäne sind und es wäre verwunderlich wenn es die nächsten Tage nicht völlig eskalieren würde. Meine Sympathien sind klar bei den Demonstranten. Trotzdem hoffe ich hier noch rechtzeitig herauszukommen, bevor wieder U-Bahnen brennen, wie zu Anfang des Jahres.

Zoll, die Zweite

Zumindest der Zoll sollte mir dabei keine Probleme mehr machen. Nach einem ewigen Gef***e mit diversen Zollbüros und aufgebrauchten Plänen A, B, C, D und E, funktionierte schließlich irgendwie mehr zufällig als gewollt der Übertrag der Verantwortung für Bertl auf Carlos in Los Angeles. Und das obwohl Bertl in Santiago bei Richard steht. Mit dem Zollbüro mit dem ich den Übertrag eigentlich gar nicht hatte machen wollen. Sei es wie es ist. Ich habe eine E-Mail, die mir den erfolgreichen Übertrag bescheinigt und sollte daher ohne Probleme ausreisen können.

Flug, die Zweite, Dritte und Vierte

Dafür war einen Flug zu buchen eine einzige große Herausforderung. Der erste storniert, der zweite ebenfalls, der dritte zwei Mal umgebucht. Einmal nach hinten, einmal nach vorne. Dazwischen stundenlange Anrufe bei indischen Call Center Mitarbeitern, die mir die Erstattung meiner bereits bezahlten, aber stornierten Flüge zwar zusagen, aber nicht veranlassen. Reinstes Chaos. Immerhin: Über die von Latam ab Juni wieder geflogene Route Santiago –> Sao Paulo –> Frankfurt habe ich nun eine Flugreservierung für den ersten verfügbaren Termin. Den 2. Juni. Quasi morgen. Der Airport-Shuttle ist gebucht. Der Rucksack gepackt und ich bereit und nervös bis in die letzte Faser meines lauchigen Körpers.

Da ich mich nach Rückkehr nach Deutschland erst einmal zwei Wochen in häusliche Quarantäne begeben muss, reicht es aber aus wenn ihr den Asbach zum 17. Juni kalt stellt.

(Hoffentlich) bis bald.

2 Antworten zu “Tage 303 bis 318: Endspurt”

  1. Hey Norman,
    ich hoffe du kommst wirklich wie geplant weg und gut Nachhause.
    Es gibt bestimmt, auf diesem Wege, ein Lebenszeichen wenn du gut angekommen bist.
    Machs gut.
    Gruß Thomas

  2. Lieber Norman,
    von Deiner Odyssee habe ich durch einen Bericht im Südkurier erfahren. Das passt voll zu dir. Ich hoffe, Du bist inzwischen gesund in der Heimat gelandet. Mit Interesse habe ich zumindest einige der letzten Einträge gelesen. Ich wünsche Dir alles Gute und würde mich freuen, wenn wir uns einmal wiedersehen würden.
    Deine alte Kollegin Hannelore

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